Märchen des Monats

Juli 2021

Manchmal gestaltet sich die Suche nach dem Monatsmärchens sehr schwierig.

Manchmal ist sie leicht.

Und manchmal sitze ich am Küchentisch, studiere, sinniere, schaue aus dem Fenster, und....der Wettergott schickt mir ein Zeichen...

 

Die Entstehung des Gewitters

 

Früher lebten einmal ein Teufel, der Riermirsor, und eine Nymphe, die Mekhala hiess.

Die beiden studierten bei einem berühmten Einsiedler, der über magische Kräfte verfügte, die Kunst der Magie.

Der Teufel und die Nymphe lernten ausgezeichnet, sie wetteiferten miteinander, denn jeder wollte den Kru zufriedenstellen.

Und so lagen die beiden ständig miteinander in Streit.

Der Einsiedler hatte beide gleich lieb, er zog keinen dem anderen vor.

Einmal unterbrach der Kru seine Lehre, denn er wollte seine Schüler prüfen und sehen, wer von den beiden der bessere sei.

So sprach er zu ihnen :"Jeder von euch versuche, mir ein Glas zu bringen, das mit Tau gefüllt ist. Ich werde das Wasser in einen magischen Kristall verwandeln. Durch die Kraft dieses Juwels wird dem Besitzer hinfort alles gelingen, was er auch tut, und jeder Wunsch wird ihm erfüllt werden."

Darauf nahm Riermirsor ein Glas und ging den Tau einsammeln, der auf den Blättern der Bäume und auf den Gräsern lag.

An vielen Morgen bemühte er sich sehr, sein Glas zu füllen, aber er hatte nur wenig Erfolg.

Mekhala hingegen, die eine Frau war und deshalb weiter sah, holte sich weiches, lockeres Holzmark.

Damit betupfte sie die Blätter und Gräser, bis sich das Mark mit dem Tau vollgesogen hatte, und dann drückte die Nymphe den Tau in ihr Glas.

Das war der Grund, weshalb es ihr schnell gelang das Glas zu füllen.

Als es gefüllt war, überreichte sie es dem Kru, der nun erkannte, dass die Nymphe klüger als der Teufel war.

Der Kru murmelte eine Zauberformel, und aus dem Tau wurde ein Kristall.

Den gab er Mekhala und sprach :"Dieser Kristall hat wunderbare Eigenschaften, wenn du einen Wunsch hast, so brauchst du den Kristall nur hochzuheben und zu drehen, augenblicklich wird er erfüllt sein. Mehr noch, durch die wunderbaren Eigenschaften dieses Kristalls wirst du in der Lage sein zu fliegen. Du kannst durch die Lüfte und die Wolken dringen, du kannst überall hin, wohin du nur willst."

Da nahm die Nymphe den Kristall in Empfang.

Sie hob ihn hoch, drehte ihn ein wenig, und plötzlich flog sie bis in den Himmel in ein grosses Meer.

Riermirsor, der mit grosser Geduld auf seine Weise das Glas noch gefüllt hatte, überreichte es ebenfalls dem Kru.

Dieser sprach :" Mein Sohn, du kommst zu spät. Die Zeit die ich dir zugestanden habe, ist verstrichen. Mekhala hat das Juwel schon erhalten, und eine solche Kostbarkeit habe ich nur einmal zu vergeben."

Als Riermirsor diese Worte hörte, war er sehr niedergeschlagen.

Es überkam ihn eine grosse Traurigkeit, und er weinte laut.

Um den armen Teufel zu besänftigen, sagte der alte Asket :" Sei nicht traurig, mein Sohn, warte, ich gebe dir eine Axt, damit kannst du kämpfen und dir den Kristall erobern.

Mekhala fliegt ohnehin nur zum Vergnügen durch die Lüfte, um sich im Regenwasser zu baden. Wenn es wieder einmal regnet, dann schleudere die Axt auf sie, und sie wird den wertvollen Kristall fallen lassen.

Aber in der Zeit, da ihr gegeneinander kämpft, musst du achtgeben, wenn sie den Kristall erhebt und dreht. Denn in diesem Augenblick, bevor du die Axt auf sie schleuderst, musst du die Augen schliessen."

Nachdem Riermirsor die Axt in Händen hatte, erhob er sich in die Lüfte und suchte Mekhala, um sich ihren magischen Kristall zu erobern.

Als er sie schliesslich gefunden hatte, wusste die Nymphe sogleich, dass der Teufel nichts Gutes im Sinn führte.

Sie erhob den Kristall, drehte ihn und flog höher in den Himmel und immer höher und höher.

Der Kristall leuchtete hell, und als der Teufel ihn erblickte, schloss er die Augen und schleuderte seine Waffe.

Sie flog schnell, und von Ferne hörte man ihr Getöse, aber sie erreichte die Nymphe nicht.

Von dieser Zeit an kann man bei Gewitterregen den Kristall leuchten sehen und den Lärm der Waffe hören.

 

Märchen der Khmer / Drei Lilien Verlag

 

Juni 2021

Endlich, nach einem doch recht kalten und durchzogenen Frühling, streicheln die warmen Sonnenstrahlen die Haut, das Gemüt und die Sinne.

Man hält sich wieder gerne draussen auf.

Kein studieren mehr morgens, wieviele Kleiderschichten es heute braucht.

Und nicht nur wir geniessen die Sonnenstrahlen und fügen uns in den Jahreskreislauf.... 

 

 

Olivenbaum

 

Wer kann sich sein Schicksal schon aussuchen?

Reiche Prinzen müssen in armen Königshäusern leben, faule Bauern in fleissigen Ländern, Leute, die meinen, sie seien Besseres, unter Leuten, die Besseres sind.

Ein Vogel hat mal gesagt, unter Adlern sei er ein Adler und unter Fliegen

 eine Fliege. – Ich glaube, dieser Vogel liebte das Leben!

Und auch die Raupe, die auf einem Olivenbaum wohnte, war glücklich und zufrieden. 

Sie wusste ja nicht allzuviel von der Welt.

Sie hatte ihre Nase, und die erzählte ihr vom Duft der schwarzen Oliven.

Sie hatte ihre Ohren, und die hörten die aufregenden Geschichten des Windes.

Das war alles, und glaubt mir, das ist schon recht viel im Leben einer Raupe.

Dem Olivenbaum ging es ähnlich.

Er war ein alter Herr und wusste deshalb ein bisschen mehr von den Vorgängen rund um ihn.

Nichts schien ihn aufzuregen, er nahm alles hin wie es kam.

Sein Freund Mond berichtete ihm die Neuigkeiten, Klatsch und Tratsch, weil der ja viel herumkam.

Und ab und zu hörte er auch seltsame Stimmen, die immer dann auftauchten, wenn seine Oliven verschwanden.

Na, und damit wäre auch schon alles erzählt.

Deshalb schien es nicht wirklich verwunderlich, dass Olivenbaum verwirrt war, als er eines Tages so ein merkwürdiges, aber durchaus angenehmes Kitzeln auf seinem Stamm spürte.

Es war die Raupe.

So etwas hatte Olivenbaum noch nie erlebt, er konnte sich jedenfalls nicht daran erinnern.

Er versuchte, mit der Raupe ins Gespräch zu kommen.

Aber glaubt mir, dass war gar nicht so einfach.

 „Hallo“, schien ihm eine unverbindliche Anrede zu sein.

„Hallo Sie, wer sind sie denn?“

Erschrocken drehte sich die Raupe nach allen Seiten um, sie wusste ja nicht, ob sie gemeint war.

Warum hatte die Natur oder sonstwer ihr auch keine Augen geschenkt!

„Sollten Sie mich meinen, ich bin eine Raupe. Und mit wem habe ich das Vergnügen?“

„ Ich bin ein Olivenbaum. Sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft zu machen.“

Das hatte er irgendwann mal gehört, und jetzt schien ihm der passende Moment gekommen, es auch mal anzubringen.

Die Raupe war sehr beeindruckt, kein Wunder, es war ja das erste Mal, dass jemand richtig mit ihr sprach.

Und Olivenbaum empfand es auch als äusserst angenehm, dass man seine Klugheit und Gewandtheit zu schätzen wusste.

Es entwickelte sich eine richtige Freundschaft.

Man tauschte Erfahrungen untereinander aus, redete über dies und das.

Na ja, und es blieb natürlich nicht nur bei einem Gedankenaustausch. 

Sie sagten sich Zärtlichkeiten und Komplimente. 

Ob das nun ein: „Nein, wie stark Sie doch sind!“ der Raupe war, wenn der Wind mal wieder betrunken herumkurvte und sie sich gerade noch hinter den Stamm retten konnte, oder ein lustvolles Lachen des Olivenbaumes: „Wie zart Sie immer an meinen Blättern knabbern. Ach, wie ist das aufregend!“ 

Nun, so ging das den ganzen Tag hin und her.

Aber noch etwas beschäftigte beide in gleichem Masse: Der eine wusste vom anderen nicht, wie der aussah. 

Sie vermieden dieses Thema. 

Die Raupe gehörte nicht gerade zu den schönsten Geschöpfen, und so ein Olivenbaum… Er persönlich hielt sich nicht für besonders attraktiv. 

So schwiegen beide.

Wahrscheinlich hätte diese Romanze das übliche Ende genommen, kennt Ihr ja, wenn man sich nichts mehr zu sagen hat und so, wäre nicht folgendes passiert: Ein Vogel hatte die Raupe entdeckt und war drauf und dran gewesen, sie zu verspeisen.

Nur ein allerletztes Eingreifen Olivenbaums, mit Unterstützung des Windes, verhinderte das Schlimmste: Olivenbaum hieb mit einem Ast auf den Vogel ein, der ohnmächtig zu Boden fiel.

Seit diesem Moment sprach die ganze Umgebung nur noch von Liebe zwischen der Raupe und dem Olivenbaum.

Und, glaubt mir, nicht alle nahmen sie ernst. 

Dieses Erlebnis aber machte die beiden mutiger im Zeigen ihrer Gefühle.

„Sag, Olivenbaum, wie siehst du eigentlich aus?“

Diese Frage hatte er einerseits befürchtet, andererseits gab sie ihm die Gelegenheit, sich auch nach ihrem Aussehen zu erkundigen.

„Raupe, ich weiss es auch nur von Erzählungen, aber man sagt (hier stockte er ein bisschen) es geht ein silbernes Licht von meinen Ästen aus.

Und meine Blätter bilden eine strahlende Krone.“

Glaubt mir, es war nicht einfach, die Erzählung über sein Aussehen ein bisschen auszuschmücken.

Aber es war doch nur, weil er seine Raupe nicht erschrecken wollte und weil er dachte, dass sie sowieso nie erfahren würde, wie er wirklich aussah.

„Aber jetzt, Geliebte, musst du mir auch endlich von deinem Aussehen erzählen.“

Die arme Raupe. 

Als Freundin eines so wunderschönen Baumes konnte sie ihn nicht mit der Wahrheit enttäuschen.

„Mein Olivenbaum, auch ich weiss es nicht genau, aber ich habe gehört, ich soll ein buntes, farbiges Kleid tragen.

Und ich soll Flügel haben wie ein Vogel, und ich könnte, wenn ich wollte, auch fliegen.“

Was sie sich zum Schluss ausgedacht hatte, schien der Raupe selbst sehr gewagt, aber es sollte diesem edlen Baum zeigen, wie sehr sie ihn liebte.

Denn fliegen zu können und trotzdem auf seinem Stamm zu bleiben, das beeindruckte sie sogar selbst!

Olivenbaum und Raupe atmeten auf.

Keiner hatte des anderen Schwindel durchschaut.

Sie waren glücklich, erzählten sich weiterhin Geschichten, und der Mond, der Wind und die Vögel waren ihre Freunde.

Und wenn sich nichts geändert hätte, wäre es heute noch so…

Eines Tages erkrankte die Raupe. 

Sie rührte sich nicht mehr von der Stelle, sagte kein Wort, ja, sie ass sogar nichts mehr von den Blättern.

Olivenbaum war traurig, wusste nicht, was geschehen war, und rief immerzu nach ihr.

Er fragte die Freunde, aber auch die verhielten sich eigenartig, gaben nichtssagende Antworten und trösteten ihn. 

Sie sagten, es würde schon alles wieder in Ordnung kommen.

Seine Raupe schliefe, das müsse so sein.

Keiner brachte es übers Herz, ihm zu sagen, dass sein Rufen, seine Hoffnung umsonst war.

Dass er seine geliebte Raupe niemals mehr hören und spüren würde.

 

Es war ein wunderschöner Frühlingstag, als der Wind ganz vorsichtig und zart über die Raupe strich:

“ Raupe, erschreck dich nicht, Frühling hat dir ein neues Kleid angezogen und hat…. Deine Füsse ein bisschen verwandelt. 

Und er hat dir noch etwas mitgebracht: etwas, womit du deinen Olivenbaum wirst sehen können – Augen. Mach sie auf und schau dich um!“

Und die Raupe öffnete ihre Augen.

Sie sah die Sonne und den Himmel.

Sie sah ihr farbiges Kleid, sah die Freunde und ... ihren Olivenbaum. 

Wie schön er doch war.

Noch viel schöner, als er ihr erzählt hatte.

Die Blätter, die sie sah, waren aus Silber, und die Äste bildeten eine Krone, die heller strahlte als ... als alles andere!

»Olivenbaum! Hallo Olivenbaum, ich bin wieder gesund!«

Olivenbaum glaubte zuerst an einen Scherz, aber dann wusste er, es war die Stimme seiner Raupe.

Sie war wieder da, er hatte es gewusst, nein, er hatte es gehofft.

»Sag, was war los mit dir? « 

Und Raupe erzählte.

Von ihrem neuen Kleid, von den Flügeln, den Augen, von ihrem neuen Namen.

Glaubt mir, als Olivenbaum das hörte, meinte er, ein Blitz würde in seine Krone schlagen.

Nun sah sie seine »silbernen« Blätter, seine krummen, grauen Äste, die nichts von einem Licht an sich hatten.

Wahrscheinlich würde sie keine Minute länger bei ihm bleiben. 

Und als er spürte, wie seine Raupe ihre Flügel spannte und aufflog, ging ein derartiges Beben der Trauer durch ihn, dass einige Oliven zu Boden fielen – so etwas passiert einem Olivenbaum sonst niemals. 

»Olivenbaum, ich kann fliegen, fliegen, fliegen!!! «

Ja, sie konnte wegfliegen, und er musste bleiben.

»Flieg nur, Raupe, flieg. « 

Raupe flog.

Von einem Ast zum anderen.

Sie umflog die Krone und küsste den Stamm.

Und wenn der Wind ein kleines Spiel mit ihr treiben wollte, da packte sie eines der silbernen Blätter und hielt sich daran fest.

Sie verließ niemals die Arme ihres Olivenbaumes. 

Für ihn begann ein neues Leben.

Ein Leben so schön, wie er es bisher nur geträumt hatte.

Er wusste es jetzt, alle wussten es: Was der Mond immer erzählt hatte, war keine erfundene Geschichte: Die Liebe gibt's wirklich!

Und weil sich nichts geändert hat, ist es auch noch heute so. 

 

Übrigens, sagt nichts und freut euch, wenn ihr mal einen Schmetterling von silbernen Blättern und leuchtenden Bäumen erzählen hört.

Für ihn ... sind sie silbern.

 

Folke Tegetthoff/ Liebesmärchen / Nymphenburger


 

April 2021

Beltane/ Walpurgisnacht ist in greifbarer Nähe.

Eine Nacht, in der man durchaus dem kleinen Volk begegnen kann....

Wer dies anstrebt sei gewarnt, mit dem kleinen Volk ist nicht zu spassen!

Begegnet man ihnen mit Aufrichtigkeit, hat man nichts zu befürchten.

Wehe dem, der sie versucht zu betrügen....in dessen Haut möchte ich nicht stecken.....

Seid vorsichtig in den nächsten Wochen......

 

 

Der Schatz

Elfen und Feen können so gross sein wie der Sturmwind, der über die Meere braust, und sie können sich so klein machen wie eine Gänseblümchenknospe.

Wenn sie in Not sind, können sie die menschliche Sprache sprechen, und manchmal klingt sie wie Donnergrollen oder wie das Rascheln von Blütenblättern.

Eines Tages ging ein Hirtenmädchen quer durch den Erlenwald zu seiner Herde und dachte an seine Hochzeit.

Wer aber im Glück ist, kann die Elfen sehen, und das Mädchen sah eine kleine Elfe mit Flügeln wie eine Libelle auf einem Moospolster liegen und schlafen.

Da knüpfte es sich schnell das rote Halstuch ab und warf es auf die Elfe.

Sie verfing sich mit den Flügeln in dem Stoff und war gefangen, denn das Mädchen band flink die vier Zipfel zu und liess den Beutel am Zeigefinger tanzen.

"Lass mich frei!", rief die Elfe. "Ich ersticke!"

"Sehr gern", antwortete das Mädchen und lachte, "was gibst du mir dafür?"

"Ewige Schönheit", sagte die Elfe.

"Das ist mir nicht genug!" antwortete das Mädchen.

"Was willst du denn noch?"

"Was kannst du mir dazugeben?" fragte das Mädchen.

"Ewige Jugend", erwiderte die Elfe.

"Das ist mir nicht genug!" sagte das Mädchen.

"Was willst du denn noch?"

"Deinen Schatz!" rief das Mädchen und schüttelte den Beutel.

"Den kannst du haben."

"Und wo ist er?" fragte das Mädchen.

"Dort drüben, unter der Erle vergraben."

Da knüpfte das Mädchen das Tuch wieder auf, nahm die Elfe fest bei den Flügeln und liess sich zu der Schatzerle führen.

"Hier?" fragte es.

"Hier", antwortete die Elfe und das Mädchen liess sie frei.

Weil es aber keinen Spaten bei sich hatte, band es das rote Tuch um den Erlenstamm und lief heim, um sich einen Spaten und eine Kiepe für den Schatz zu holen.

Als es jedoch zum Erlenwald zurückkam, hatte jeder Stamm eine rote Schleife, und das Mädchen warf wütend die Schaufel ins Moos und lief weinend heim ins Dorf.

"Was weint die fremde Frau denn so?", fragten die Leute, denn das Mädchen war so schön geworden, dass es keiner erkannte, die eigene Mutter nicht und der Bräutigam nicht, und keiner liess es in sein Haus.

So musste das Mädchen in die weite Welt hinaus, und weil es in seiner Gier zur ewigen Schönheit auch noch ewige Jugend verlangt hatte, so wird es nicht gestorben sein und lebt vielleicht noch heute.

 

Sybil Gräfin Schönfeldt/ Nordische Sagen und Märchen/ Tulipan Verlag

 


März 2021

Letztens im Internet gefunden;

"Das Schöne am Frühling ist, dass er immer dann kommt, wenn man ihn am dringendsten braucht"

(Jean Paul, Schriftsteller)

Wahre Worte, wie ich finde....

Die Vögel zwitschern, als wäre es nie anders gewesen, der erste Schmetterling, die erste Hummel, die ersten Blumen strecken ihre Blüten in die milde Sonne, Bienen die fleissig von Blüte zu Blüte eilen.....

Apropos....wisst ihr eigentlich, wie es lief, als die Blumen erschaffen wurden?

 

Wie die Blumen erschaffen wurden

 

Als die Blumen erschaffen waren, standen sie alle da und beschauten ihre Füsschen, auf denen sie fest und aufrecht stehen konnten.

Sie freuten sich über ihre grünen Blätter, die sich im Morgenwind bewegten und staunten über ihre Blütenkronen, die der Schöpfer ihnen geschenkt hatte, jede in der Farbe, die ihr am liebsten war, dazu bekam jede einen passenden Namen.

Zuletzt fragte er jede Blume, wo sie wohnen möchte.

Wenn sie ihren Wunsch ausgesprochen hatte, trug sie ein Engel hin und pflanzte sie ein.

Die eine Blume wollte auf dem Berg wohnen, die andere im Tal, die eine in trockener, die andere in sumpfiger Erde.

Die meisten Blumen wollten in den Wiesen wohnen, im Wald aber mochte keine wachsen, da war ihnen zu wenig Sonnenschein.

Als nun die Sonne die Blumen zum leuchten brachte, wurde der Wald traurig.

Die Bienen und die Vögel zogen alle auf die Wiesen und er blieb leer zurück.

Da fing er an, dicke Harztränen zu weinen und rief: "Ach, kämen doch ein paar Blumen zu mir, dann würden die Vögel und die Bienen auch zurückkehren."

Die Maiglöckchen, die damals auf der Wiese blühten, hörten die Klagen und sprachen zu den anderen Blumen: "Wollen wir nicht in den Wald ziehen? So schlimm kann es dort nicht sein."

Sie zogen ihre Beinchen eins nach dem andern aus der Erde und trippelten in den Wald hinein.

Der Wald nahm sie dankend bei sich auf, und die Bäume breiteten schützend ihre Zweige über ihnen aus.

Deshalb muss, wer Maiglöckchen sucht, gute Augen haben, denn der Wald will sie nicht gerne hergeben und hält sie gut verborgen.

So hatte also jede Blume ihren Platz gefunden, manche sogar hoch oben, nah beim ewigen Schnee, und sie freuten sich über ihre schönen Blütenkleider und die hübschen Namen.

Eine Blume aber, mit zarten, himmelblauen Blüten, stand traurig am Bach und weinte still vor sich hin.

Als am Abend der Schöpfer noch einmal über Feld und Wiesen wandelte, um zu sehen, wie es seinen Blumen ging, sah er das weinende Blümchen.

"Warum weinst du denn?" wollte er wissen.

Da erzählte das himmelblaue Blümchen: "Ach, ich stand am Bach, freute mich über mein schönes Blütenkleid und schaute dem Bächlein zu, da vergass ich meinen Namen."

"Hättest du mich doch gerufen, ich weiss die Namen von allen Blumen. Aber damit du deinen Namen nicht mehr vergisst, sollst du von nun an Vergissmeinnicht heissen." 

Und dieser Name ist der Blume bis heute geblieben.

Als der Schöpfer nun alles so wunderbar erschaffen hatte, bekam jeder Engel ein Beet, darauf durfte er seine Lieblingsblumen pflanzen.

Da begann ein emsiges Wählen und bald leuchteten auf den Beeten die schönsten Blumen: Himmelsschlüssel, Vergissmeinnicht, Gänseblümchen, Maiglöckchen, Nelken, Rosen und Narzissen und ihr Duft zog durch den Himmelsgarten.

Ein Engel aber hatte geduldig gewartet und die anderen zuerst wählen lassen.

Aber als er an die Reihe kam, war keine Blume mehr übrig geblieben.

So stand er traurig bei seinem leeren Beet, als der Schöpfer durch den Garten ging, um sich die Blumenbeete der Engel anzuschauen.

Er hatte Mitleid mit dem Engel und sprach: "Ich schenke dir eine Pflanze, die die Blume der Geduldigen und Bescheidenen werden soll",

und in diesem Augenblick erblühten auf dem Beet des Engels die schönsten Veilchen.

Als die Menschen auf die Erde kamen, durften sie Samen von allen Blumen mitnehmen, nur nicht vom Veilchen.

Da bat der Engel, den Menschen doch auch dieses Blümchen mitzugeben.

Und der himmlische Schöpfer schenkte den Menschen auch das bescheidene Veilchen.

Er gab den Menschen zwei Engel mit auf den Weg, die ein Veilchen in den Händen trugen und es auf der Erde einpflanzten.

Dort blüht es bis zum heutigen Tag als Erinnerung an den Himmelsgarten.

 

Legende aus Deutschland/Blumenmärchen, Mutabor Verlag

 

 

Januar 2021

Neues Jahr, neues Glück heisst es so schön.

Gute Vorsätze nehmen, habe ich schon lange aufgegeben, da ich mit den schlechten vom letzten Jahr noch gar nicht durch bin....

Wahrscheinlich ist es den meisten nicht sonderlich schwer gefallen ist, das alte Jahr loszulassen.

Und doch wird uns vieles auch dieses Jahr begleiten.

Doch nutzen wir die Zeit, um innezuhalten und uns auf unsere innere Stimme zu richten.

Ankommen im eigenen Leben, wissen, dass alles zu seiner Zeit kommt....

Das Märchen des Monats würde noch etwas besser in den Dezember passen (natürlich nur wegen des Julfestes und des Woden...alles andere ist zeitlos...).

Da aber der letzte Monat übergangen wurde erlaube ich mir, es hier zu platzieren.

Leider habe ich keine Ahnung mehr, woher ich dieses Märchen habe.

Daher kann ich auch keinen Verweis auf die Quelle machen.

Irgendwo in den tiefen des Internets habe ich es damals gefunden....wer näheres weiss, bitte bei mir melden!

 

 

 

Alles zu seiner Zeit

 

Die Göttin saß tief unten im Herzen der Erde am Feuer und wärmte ihre kraftvollen alten Hände an den lodernden Flammen von Lava und Glut.

Lächelnd murmelte sie leise Worte der Magie und des Zaubers vor sich hin.

 

Nur wenige versteckte Pfade reichen bis in ihr Zuhause, in die Tiefen der Berge, zum Mittelpunkt der Erde. 

Es ist nicht leicht zu ihr zu gelangen und wenig Besuch bekam sie um diese Zeit. 

Nur die Wurzeln der ältesten und weisesten Bäume waren durch die harte Kruste der Erde bis zu ihren Höhlen hinab gewachsen.

Die stärksten Wurzeln schlangen sich liebevoll um das Feuer der Göttin und hielten es sacht und fest.

Das Feuer pochte und glimmte wie ein schlagendes Herz.

Die Bäume schliefen und träumten.

Manchmal wenn man ganz still war, konnte man sie leise im Schlaf wispern hören: "Frau Holle, schick uns Schnee. Welke Blätter bedecken unsere Wurzeln, aber es ist so bitterkalt. Uns friert. Die Vöglein kuscheln sich zitternd an unsere Astkronen.

Die Mäuschen bauen ihre Nester im Schutz unserer Wurzeln.

Schick uns deinen Schnee, Frau Holle.

Er ist so weich und bedeckt die Erde wie eine warme Decke."

 

Die Göttin lächelte und Güte strahlte aus ihrem Gesicht. "Schhh" machte sie sacht und hielt sich einen Finger an den Mund.

"Seid nicht so ungeduldig ihr Lieben.

Zuerst kommt die Zeit der Stürme.

 Wenn der Winter einzieht und alle Blätter von den Bäumen fallen, wenn alles Grün verschwindet und es kalt und dunkel wird auf unsrer Erde, dann ziehen alle Menschen und Tiere sich in ihre warmen Häuser und Höhlen zurück.

Die Samen und Naturgeister aber kommen zu mir, um bis zum nächsten Frühling zu schlafen und zu rasten."

 

Und wirklich.

Wohl behütet, sicher und geborgen schliefen alle Geschöpfe im warmen Schoss der Göttin, während die Winterstürme über die Erde fegten.

Frau Holle sang mit ihrer tiefen vollen Stimme Baumfeen, Wurzelkinder, Blumenelfen und Igelbabys in den Schlaf und erzählte ihnen davon, was oben auf der Erde vor sich ging: 

"Hört ihr wie es grummelt und grollt? Wie der Wind jammert und tobt? Mein lieber Gefährte der Wode und seine wilden Jäger mit ihren stürmischen Himmelsponys, jagen über den Himmel.

Sie jauchzen und heulen und treiben den Wind an.

Es macht ihnen Spaß alles durcheinander zu wirbeln.

Sie treiben die Wolken übers Land und locken die Nebelschwaden aus der Erde.

Sie tanzen und hüllen alles mit meinen weißen Schleiern ein. 

So ist es schon immer gewesen, meine Lieben.

Die Natur erholt sich, während ihr sicher und behütet schlummert und vom nächsten Sommer und seinen Freuden träumt.

Sie aber, die wilden Jäger, reinigen die Luft, fegen die Erde sauber, entfachen die Feuer des Julfestes und lassen das Wasser der heiligen Quellen gefrieren. Bald wird es schneien.

Und die Welt wird weiß und neu sein. Frisch und sauber für den nächsten Frühling, wenn wir alle aus unserem langen Schlaf erwachen.

Wenn die Sonne wiederkehrt und uns mit ihrem Licht und ihrer Wärme zu neuem Leben erweckt. 

Alles zu seiner Zeit.

Nun aber schlaft.

Schlaft meine Lieben.

Schlaft gut. 

Meine Kinder, meine lieben Geschöpfe, meine lieben Bäume. 

Gute Nacht."

 

November 2020

Seit langer Zeit überlege ich, was ich zu meinem Novembermärchen schreiben soll...

Da ich es IMMER noch nicht weiss, entschuldige ich mich mit dem Grund, dass mir dieses Märchen seit 4 Wochen ununterbrochen durch den Kopf geistert...

Solches sehe ich als Zeichen an, und entlasse euch ohne grosse Erklärung in die Stille des Lesens...

 

Die Sterntaler

 

Es war einmal ein kleines Mädchen, dem war Vater und Mutter gestorben, und es war so arm, dass es kein Kämmerchen mehr hatte, darin zu wohnen, und kein Bettchen mehr hatte, darin zu schlafen, und endlich gar nichts mehr als die Kleider auf dem Leib und ein Stückchen Brot in der Hand, das ihm ein mitleidiges Herz geschenkt hatte.

Es war aber gut und fromm. Und weil es so von aller Welt verlassen war, ging es im Vertrauen auf den lieben Gott hinaus ins Feld.

 

Da begegnete ihm ein armer Mann, der sprach: "Ach, gib mir etwas zu essen, ich bin so hungrig."

Es reichte ihm das ganze Stückchen Brot und sagte: "Gott segne dir's," und ging weiter.

Da kam ein Kind, das jammerte und sprach: "Es friert mich so an meinem Kopfe, schenk mir etwas, womit ich ihn bedecken kann."

Da tat es seine Mütze ab und gab sie ihm.

Und als es noch eine Weile gegangen war, kam wieder ein Kind und hatte kein Leibchen an und fror: da gab es ihm seins; und noch weiter, da bat eins um ein Röcklein, das gab es auch von sich hin.

Endlich gelangte es in einen Wald, und es war schon dunkel geworden, da kam noch eins und bat um ein Hemdlein, und das fromme Mädchen dachte: "Es ist dunkle Nacht, da sieht dich niemand, du kannst wohl dein Hemd weggeben," und zog das Hemd ab und gab es auch noch hin.

 

 

Und wie es so stand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel, und waren lauter blanke Taler; und ob es gleich sein Hemdlein weggegeben, so hatte es ein neues an, und das war vom allerfeinsten Linnen.

Da sammelte es sich die Taler hinein und war reich für sein Lebtag.

 

Märchen der Gebrüder Grimm/www.grimmstories.com


Oktober 2020

 

Der Tod ist gross.

Wir sind die Seinen lachenden Munds.

Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen mitten in uns.

Rainer Maria Rilke

 

Die Vergänglichkeit schleicht sich wieder ein. Spürbar an jedem trüben Herbsttag. 

Die Blätter verfärben sich und fallen zu Boden. Die Vogelschwärme sammeln sich, um in wärmere Regionen aufzubrechen.

Die Dunkelheit nimmt täglich zu.

Ich muss aufpassen, dass sie sich nicht auch in meinem Kopf festsetzt.

 Eine wunderschöne Zeit des Wandels, die uns jedoch auch unsere Vergänglichkeit vergegenwärtigt.

Im Loslassen das schöne und hoffnungsvolle sehen.

Dankbar sein für alles was war und für alle die waren...

Ein etwas melancholischer Einstieg, ich weiss, in ein wunderschönes Inuit Märchen... 

 

 

Die Skelettfrau

 

Jahre vergingen, bis sich niemand mehr daran erinnern konnte, gegen welches Gesetz das arme Mädchen verstossen hatte.

Die Leute wussten nur noch, dass ihr Vater sie zur Strafe von einem Felsvorsprung ins Eismeer hinabgestossen hatte und dass sie ertrunken war.

So lag sie für eine lange Zeit am Meeresboden.

Die Fische nagten ihr Fleisch bis auf die Knochen ab und frassen ihre kohlschwarzen Augen.

Blicklos und fleischlos schwebte sie unter den Eisschollen, und ihr Gerippe wurde von der Strömung um- und um- und umgedreht.

Die Fischer und Jäger der Gegend hielten sich fern von der Bucht, denn es hiess, dass der Geist der Skelettfrau dort umginge.

Doch eines Tages kam ein junger Fischer aus einer fernen Gegend hergezogen, der nichts davon wusste.

Er ruderte seinen Kajak in die Bucht, warf seine Angel aus und wartete.

Er ahnte ja nicht, dass der Haken seiner Angel sich sogleich in den Rippen des Skeletts verfing!

Schon fühlte er den Zug des Gewichts und dachte voll Freude bei sich:" Oh, welch ein Glück! Jetzt habe ich einen Riesenfisch an der Angel, von dem ich mich für lange Zeit ernähren kann. Nun muss ich nicht mehr jeden Tag auf die Jagd gehen."

Das Skelett bäumte sich wie wild unter dem Wasser auf und versuchte freizukommen, aber je mehr es sich aufbäumte und wehrte, umso unentrinnbarer verstrickte es sich in der langen Angelleine des ahnungslosen Fischers.

Das Boot schwankte bedrohlich im aufgewühlten Meer, fast wäre der Fischer über Bord gegangen, aber er zog mit aller Kraft an seiner Angel, er zog und liess nicht los und hievte das Skelett aus dem Meer empor.

"Iii, aiii", schrie der Mann, und sein Herz rutschte ihm in die Hose hinunter, als er sah, was dort zappelnd an seiner Leine hing.

"Aiii", und "Igitt", schrie er beim Anblick der klappernden, mit Muscheln und allerlei Getier bewachsenen Skelettgestalt.

Er versetzte dem Scheusal einen Hieb mit seinem Paddel und ruderte, so schnell er es im wilden Wasser vermochte, an das Meeresufer.

Aber das Skelett hing weiterhin an seiner Angelleine, und da der Fischer seine kostbare Angel nicht loslassen wollte, folgte ihm das Skelett, wohin er auch rannte.

Über das Eis und den Schnee; über Erhebungen und durch Vertiefungen folgte ihm die Skelettfrau mit ihrem entsetzlich klappernden Totengebein.

"Weg mit dir!", schrie der Fischer und rannte in seiner Angst geradewegs über einige frische Fische, die jemand dort zum trocknen in die Sonne gelegt hatte.

Die Skelettfrau packte ein paar dieser Fische, während sie hinter dem Mann hergeschleift wurde, und steckte sie in den Mund, denn sie hatte lange keine Menschenspeisen mehr zu sich genommen.

Und dann war der Fischer bei seinem Iglu angekommen.

In Windeseile kroch er in sein Schneehaus hinein und sank auf das Nachtlager, wo er sich keuchend und stöhnend von dem Schrecken erholte und den Göttern dankte, dass er dem Verderben noch einmal entronnen war.

Im Iglu herrschte vollkommene Finsternis, und so kann man sich vorstellen, was der Fischer empfand, als er seine Öllampe anzündete und nicht weit von sich, in einer Ecke der Hütte, einen völlig durcheinander geratenen Knochenhaufen liegen sah.

Ein Knie der Skelettfrau steckte in den Rippen ihres Brustkorbs, das andere Bein war um ihre Schultern verdreht, und so lag sie da, in seine Angelrute verstrickt.

Was dann über ihn kam und ihn veranlasste, die Knochen zu entwirren und alles vorsichtig an die rechte Stelle zu rücken, wusste der Fischer selbst nicht.

Vielleicht lag es an der Einsamkeit seiner langen Nächte, und vielleicht war es auch nur das warme Licht seiner Öllampe, in dem der Totenkopf nicht mehr ganz so grässlich aussah - aber der Fischer empfand plötzlich Mitleid mit dem Gerippe.

"Na, na, na", murmelte er leise vor sich hin und verbrachte die halbe Nacht damit, alle Knochen der Skelettfrau behutsam zu entwirren, sie ordentlich zurechtzurücken und sie schliesslich in warme Felle zu kleiden, damit sie nicht fror.

Danach schlief der Gute ein, und während er dalag und träumte, rann eine helle Träne über seine Wange.

Dies aber sah die Skelettfrau und kroch heimlich an seine Seite, brachte ihren Mund an die Wange des Mannes und trank die eine Träne, die für sie wie ein Strom war, dessen Wasser den Durst eines ganzen Lebens löscht.

Sie trank und trank, bis ihr Durst gestillt war und dann ergriff sie das Herz des Mannes, das ebenmässig und ruhig in seiner Brust klopfte.

Sie ergriff das Herz, trommelte mit ihren kalten Knochenhänden darauf und sang ein Lied dazu.

"Oh Fleisch, Fleisch, Fleisch", sang die Skelettfrau.

"Oh Haut, Haut, Haut".

Und je länger sie sang, desto mehr Fleisch und Haut legte sich auf ihre Knochen. 

Sie sang für alles, was ihr Körper brauchte, für einen dichten Haarschopf und kohlschwarze Augen, eine gute Nase und feine Ohren, für breite Hüften, starke Hände, viele Fettpolster überall und warme, grosse Brüste.

Und als sie damit fertig war, sang sie die Kleider des Mannes von seinem Leib und kroch zu ihm unter die Decke.

Sie gab ihm die mächtige Trommel seines Herzens zurück und schmiegte sich an ihn, Haut an lebendige Haut.

So erwachten die beiden, eng umschlungen, fest aneinandergeklammert.

Die Leute sagen, dass die beiden von diesem Tag an nie Mangel leiden mussten, weil sie von den Freunden der Frau im Wasser, den Geschöpfen des Meeres, ernährt und beschützt wurden.

So sagt man bei uns, und viele unserer Leute glauben es heute noch.

 

Märchen der Inuit / Aus C.P. Estés, Die Wolfsfrau, Heyne Verlag

 

 


 

September 2020

 

Oh ja....seit einigen Tagen riecht es nach Herbst. 

Eine wunderbare Jahreszeit, wie ich finde.

Satte Farben, Erntezeit, Überfluss...

Ohne schlechtes Gewissen kann man langsam die Herbstdeko hervorholen und...... 

Bei mir heisst das, dass die (meist) blauen Muschel, Sand, Strandsachen in Kisten verschwinden um den natürlich erdigen Sachen Platz zu machen.

Stoffen, Kränzen, Ästen, Früchten und vor allem Kerzen.

Alles bekommt einen...etwas nordischen Touch.....

Vielleicht darum schon mal ein Isländisches Märchen zum einstimmen?

 

Probiert es aus....

 

 

Lini, der Königssohn

 

Es waren einmal ein König und eine Königin in ihrem Reiche. Er hieß Ring, aber wie sie hieß, wird nicht erwähnt.

Sie hatten einen Sohn, der Lini hieß.

Früh schon schien er mächtig und ein großer Kämpfer.

Im gleichen Land lebte ein alter Mann mit seinem alten Weib in einer schlechten Hütte, sie hatten eine Tochter, die Signy hieß.

Eines Tages ging der Königssohn mit den Hofleuten seines Vaters auf die Jagd.

Wie sie abends wieder heim wollten, fiel dichter Nebel, und die Hofleute verloren den Königssohn.

Sie suchten lange nach ihm, konnten ihn aber nicht finden.

So kehrten ohne ihn heim und erzählten es dem König.

Der König war sehr betrübt und ließ viele Leute drei Tage hindurch nach seinem Sohne suchen, aber immer vergebens.

Da wurde der König vor Kummer so krank, dass er sich zu Bett legte.

Er ließ verkünden: „Wer mir meinen Sohn wiederbringt, bekommt das halbe Königreich.“

Davon hörte auch Signy.

Sie ließ sich von ihren Eltern Proviant und neue Schuhe geben und machte sich auf den Weg.

Nach mehreren Tagen kam sie zu einer Höhle, sie ging in dieselbe hinein und sah darin zwei Betten.

Das eine hatte eine silberdurchwobene, das andere eine golddurchwobene Decke.

Sie sah sich nun besser um und entdeckte, dass der Königssohn in dem Bette lag, über welches die golddurchwobene Decke gebreitet war.

Sie wollte ihn wecken, aber es gelang ihr nicht.

Da bemerkte sie, dass einige Runen in das Bettgestell eingeritzt waren, konnte dieselben aber nicht deuten.

Das Mädchen versteckte sich am Eingang hinter der Tür.

Sie war kaum in das Versteck gekommen, da wurde auch schon von draußen ein starkes Dröhnen laut, und zwei ungeheure Riesinnen kamen herein. 

Die eine von ihnen sagte sogleich: „Pfui der Teufel, hier ist Menschengeruch.“

Die andere meinte, das komme von dem Königssohn.

Hierauf gingen sie zu dem Bette, in welchem der Königssohn schlief, riefen zwei Schwäne herbei und sagten zu denselben:

 

„Singet, singet, meine Schwäne,

Dass Lini erwache!“

 

Da sangen die Schwäne, und Lini erwachte.

Die jüngere Riesin fragte ihn, ob er essen wolle. Er sagte: „Nein.“

Dann fragte sie ihn, ob er sie nicht zum Weibe haben wolle. Er sagte standhaft: „Nein.“

Da schrie sie auf und sagte zu den Schwänen:

 

„Singet, singet, meine Schwäne,

Dass Lini einschlafe!“

 

Die Schwäne sangen, und er schlief ein. Dann legten sie sich selber in das Bett mit der Silberdecke und schliefen die Nacht hindurch.

Am Morgen weckten sie Lini und boten ihm Speisen an; aber er wollte nicht davon essen.

Darauf fragte ihn die Jüngere, ob er sie nicht zum Weibe haben wolle, aber er verneinte das wie vorher.

Da schläferten sie ihn wieder auf dieselbe Weise ein und verließen die Höhle.

Als sie ein Weilchen weg waren, kam Signy aus ihrem Versteck und weckte den Königssohn, so wie sie es von den Riesinnen gelernt hatte.

Sie begrüßten sich freundlich, und Signy erzählte ihm von dem Schmerz seines Vaters um ihn.

Dann fragte sie, was mit ihm geschehen sei.

Er erzählte ihr, dass er kurz nach der Trennung von dem Hofgesinde zwei Riesinnen begegnet und in ihre Höhle mitgenommen worden sei.

Die eine habe ihn zwingen wollen, sie zu heiraten, wie sie ja wisse; er aber habe es immer verweigert.

„Nun sollst du“, sagte Signy, „wenn die Riesin dich heute Abend wieder fragt, ob du sie zu Weibe haben willst, deine Einwilligung geben unter der Bedingung, dass sie dir sagen, was auf den Betten geschrieben stehe und was sie den Tag über treiben.“

Das schien dem Königssohn ein vorzüglicher Rat zu sein. Dann brachte er ein Spielbrett und sie spielten Schach bis zum Abend. Als es dunkel ward, schläferte Signy den Königssohn wieder ein und begab sich wieder in ihr Versteck.

Bald hörte sie die Riesinnen herbeikommen.

Sie zündeten ein Feuer an.

Die ältere begann die Vögel zuzubereiten, welche sie mitgebracht hatten.

Die jüngere ging zum Bette, weckte Lini und fragte ihn, ob er essen wolle.

Er antwortete diesmal: „Ja.“

Als er mit der Mahlzeit fertig war, fragte sie ihn, ob er sie nicht heiraten wolle. „Ja, wenn du mir verrätst, was auf dem Bette steht.“

Sie antwortete:

 

„Renne, renne, mein Bett,

Renne, wohin ich will.“

 

Nun wollte er noch wissen, was sie tagsüber im Walde trieben.

Die Riesin erzählte ihm, dass sie Tiere und Vögel jagen.

Wenn sie aber dazwischen eine kleine Frist haben, sich unter einer Eiche niedersetzen und einander ihr Lebensei zuwerfen.

Er fragte, ob sie damit vorsichtig umgehen müssten.

Die Riesin sagte, dass das Ei nicht zerbrochen werden dürfe, sonst müssten sie beide sterben.

Der Königssohn gab sich damit zufrieden, sagte aber, nun wolle er noch bis morgen ruhen.

Die Riesin war damit einverstanden und schläferte ihn ein.

Des Morgens weckte sie ihn und bot ihm Speisen an, welche er dankbar annahm.

Dann fragte ihn die Riesin, ob er nicht heute mit ihnen in den Wald kommen wolle.

Er aber antwortete, dass er lieber zu Hause bleibe.

Hierauf nahm die Riesin von ihm Abschied und schläferte ihn ein.

Nun verliessen die beiden Weiber die Höhle.

Nach einer Weile trat Signy zum Bett, weckte den Königssohn und bat ihn aufzustehen.

„Wir werden jetzt“, sagte sie, „in den Wald hinausgehen, dahin, wo die Riesinnen sind. Nimm deinen Speer mit dir.Und sowie sie anfangen, einander ihr Lebensei zuzuwerfen, musst du den Speer nach dem Ei werfen. Aber du musst es treffen, dein Leben hängt davon ab.“

Dem Königssohn schien das ein guter Rat zu sein, und sie stiegen nun beide in das Bett und sprachen:

 

Renne, renne, mein Bettchen,

Hinaus in den Wald.

 

Da rannte das Bett mit ihnen davon in den Wald und machte erst an der Eiche halt.

Da hörten sie lautes Lachen. Signy bat nun den Königssohn auf die Eiche hinauf zu klettern, und er tat es auch.

Da sah er die beiden Riesinnen unter der Eiche sitzen.

Die eine von ihnen hatte ein goldenes Ei in der Hand und warf es der anderen zu.

Er warf seinen Spieß und traf das Ei im Flug, dass es zerbrach.

Gleichzeitig sanken auch die Riesinnen tot zu Boden und Geifer trat ihnen aus dem Munde.

Lini  stieg nun sogleich von der Eiche herab und fuhr mit Signy im Bett auf dieselbe Weise in die Höhle zurück, wie sie gekommen waren.

Sie nahmen alle Kostbarkeiten der Riesinnen, welche sich in der Höhle befanden und beluden damit beide Betten.

Sodann bestiegen sie je ein Bett und sprachen die Bettrunen, worauf die Betten mit ihnen und allen Kostbarkeiten, zur Hütte der alten Leute rannten, wo sie mit Freuden empfangen wurden.

Frühmorgens ging Signy zum König, trat vor ihn hin und begrüsste ihn.

Der König fragte, wer sie sei.

Sie sagte, dass sie die Tochter de alten Mannes von der kleinen Hütte sei, und fragte, welche Belohnung er ihr geben würde, wenn sie seinen Sohn wohlbehalten zurückbringen könne.

Der König sagte, dass er darauf nicht zu antworten brauche, da sie ihn gewiss nicht finden werde, nachdem dies keinem von seinen Leuten gelungen sei.

Signy fragte weiter, ob er ihr nicht dieselbe Belohnung geben wolle, die er den anderen versprochen habe, falls sie ihn doch fände.

Der König gab sich einverstanden.

Signy kehrte hierauf in die Hütte zurück und bat den Königssohn, ihr nach der Halle des Königs zu folgen.

Der König emping seinen Sohn mit Freuden und liess ihn alle seine Erlebnisse zu erzählen von dem Tage an, wo ihn die Hofleute auf der Jagd verloren hatten.

Lini erzählte die Geschichte, wie sie sich ereignet hatte, und dass Signy ihm das Leben gerettet hatte, da sie ihn aus den Händen der Riesinnen befreite.

Sodann stand Lini auf, trat vor seinen Vater hin und bat ihn, zu erlauben, dass er dieses Mädchen zu seinem Weibe nehme.

Der König gab mit Freuden seine Einwilligung dazu und liess sogleich ein grosses Hochzeitsfest veranstalten.

 

Der Königssohn und Signy lebten lange zusammen und liebten einander sehr.

Damit schließt diese Geschichte.

 

Isländisches Märchen

 

 

 

 

 

 


August 2020

 

Sommer, Sonne, Ferienzeit....

Wie herrlich eine kleine Auszeit zu geniessen. Zurückzulehnen und...ein Märchen zu lesen. Ferien in China. Ganz ohne "Packstress" und ohne endlosen Flug. Eine wunderbare Reise wünsche ich...



Das Bild

 

Es lebte einmal ein Bauer mit einer guten Frau.

Sie war nicht nur tüchtig bei der Arbeit, sondern auch sehr schön.

Sie hatten zwei Kinder und waren sehr arm.

Schon beim Morgengrauen standen sie zur Arbeit auf und legten sich erst um Mitternacht wieder schlafen.

Trotz ihrer Armut lebten sie froh und einträchtig zusammen.

Ihr Glück dauerte so lange, bis der reiche Dschang die schöne Frau sah.

Dieser Dschang war der Militärmandarin des Nachbardorfes. Er besass Geld und Macht, und niemand wagte es, sich ihm zu widersetzen.

Eines Morgens ritt er mit seinem Gefolge an dem Brunnen vorbei, wo die Frau gerade Wasser schöpfte.

Als er ihre Schönheit sah, wollte er sie sofort besitzen.

Er machte eine Handbewegung und befahl: «Mitnehmen!», und sofort wurde sie ergriffen und fortgeschleppt.

Die Kinder weinten, und dem Bauern war es, als würde sein Herz zerschnitten.

Am nächsten Morgen fand er seine Frau im Feld liegend. Sie bewegte sich nicht, Er legte seine Hand auf ihr Herz, aber es schlug nicht mehr.

Da wickelte er sie in eine Binsenmatte, trug sie auf seinen Armen fort und begrub sie noch am gleichen Tag.

Seitdem riefen die Kinder nach ihrer Mutter Tag und Nacht. Der Bauer musste zu Hause bleiben und konnte sein Feld nicht mehr bestellen.

Das Leben schien stillzustehen.

Eines Abends stand plötzlich ein alter Mann vor der Tür.

Sein grauer Bart hing ihm weit über die Brust herab. Seine Kleider waren zerrissen, aber seine Augen waren voller Güte.

Er trat geradewegs ins Zimmer: «Die Kinder weinen ja, dass es einen jammern kann! Was ist denn geschehen?»

Der Bauer seufzte, und dann erzählte er dem Alten die ganze Geschichte.

«So ist das also», nickte der Alte. Weiter sagte er nichts.

Er setzte sich aufs Ofenbrett, holte ein Blatt Papier und einen Pinsel hervor, strich das Papier glatt, schlug die Beine unter und fragte: «Wie sah sie denn aus, deine Frau?»

«Schön sah sie aus», sagte der Bauer und fing an, sie vom Kopf bis zu den Füssen zu beschreiben.

Keine Wölbung, keine Vertiefung ihres Körpers liess er aus.

Der Alte hörte zu, machte seinen Pinsel mit Spucke nass und begann auf dem Papier zu malen, und er hielt erst an, als der Bauer zu Ende erzählt hatte. Und siehe, auf dem Papier hatte er eine Frau gemalt, die haargenau wie die Verstorbene aussah.

Die Kinder hatten zu weinen aufgehört. Staunend sahen sie das Bild an und lächelten.

Aber der Alte schob die Kinder beiseite. Er drehte das Bild um, leckte wieder die Pinselspitze an und malte mit schnellen Strichen einen grossen Tiger.

Dann schwenkte er das Blatt und sagte zu dem Bauern: «Häng es an die Wand!» 

Im gleichen Augenblick rutschte er von der Ofenbank und war verschwunden.

Der Bauer stand lange wie versteinert mit dem Bild in der Hand da, Es wurde dunkel. Da zündete er die Lampe an und hängte das Bild an die Wand.

Die Kinder lachten und winkten zu dem Bild herauf: «Mama, Mama, komm doch herunter, Mama!»

Der Bauer stand hinter den Kindern und lächelte auch. Er wurde immer froher, je länger er seine Frau auf dem Bildnis ansah.

Da war ihm auf einmal, als hätten sich ihre Augen bewegt, nun zog sich ihr Mund in die Breite, und sie lächelte zurück, und schliesslich lachte sie laut heraus. Das Bild an der Wand fing an zu schwanken, und die Frau trat heraus.

Sie umarmte ihre Kinder, wandte sich an ihren Mann und fragte: «Was starrst du mich so an, sind wir nicht schon lange genug verheiratet, um sich satt sehen zu können?»

«Ja», stotterte der Bauer, «bist du, bist du denn nicht tot?»

«Ich bin quicklebendig, warum sollte ich tot sein? Wer soll sich sonst um die Kinder kümmern ohne mich? Wir wollen doch in Freude und Eintracht alt werden.»

«Ja, richtig», stimmte der Bauer zu, «aber wir müssen jetzt auf der Hut sein vor diesem Dschang. Raubt er dich noch einmal, halte ich das nicht aus.»

«Hab keine Angst. Er weiss nicht, dass ich wieder lebe,»

Das blieb aber nicht lange verborgen, und so erfuhr es auch der böse Dschang. «Wie?», wunderte er sich. «Sie lebt? Diese Widerspenstige, die mir nicht gehorchen wollte, lebt? Habe ich sie nicht totgeschlagen am Boden liegen sehen? Gut, lebt sie wieder, hole ich sie mir wieder.»

Der Bauer war gerade vom Feld gekommen und hatte die Hacke an die Wand gestellt, die Frau hatte eben die Reisschüsseln gefüllt, und die Kinder sassen schon am Tisch, da sahen sie den Dschang und seine Raufbolde kommen.

Dem Bauern wurde es rot vor Augen, aber seine Frau fasste ihn ruhig am Ärmel und sagte: «Hol das Bild her.»

Eben wollte der Dschang zum Tor eindringen, da brachte der Bauer das Bild.

Die Frau hielt eine Flamme daran, und das Bild fing prasselnd Feuer. Das Feuer blitzte auf, und ein riesiger Tiger sprang heraus, packte den grausamen Dschang mit dem Maul und stürzte davon, den fliehenden Spiessgesellen hinterher.

So war's; und was dann wurde?

Den Mandarin-Dschang hat man nie wieder gesehen.

Der Bauer aber lebte mit seiner schönen Frau und den beiden Kindern in Frieden und Eintracht, und es ging ihnen von Tag zu Tag besser.

 

Chinesisches Märchen/Märchenforum Sommer 2020

 

 


Juli 2020

Sommer, Sonne, Ferienzeit.

Doch dieses Jahr gibt es keine Ferien ausserhalb der Schweiz.

Grundsätzlich ist dies nicht tragisch, doch gebe ich zu, dass ich, immer wenn ich die Augen schliesse, ein leises Meeresrauschen höre.

Da ist es nicht weiter erstaunlich, dass das Julimärchen etwas mit dem Meer zu tun hat....

 

Warum das Meerwasser salzig ist

 

Es war einmal ein lieber, wackerer Knabe, der hatte weiter nichts auf Erden als eine blinde Großmutter und ein helles Gewissen.

Als er nun aus der Schule war, wurde er Schiffsjunge und sollte seine erste Reise antreten.

Da sah er, wie alle seine neuen Kameraden mit blankem Gelde spielten, und er hatte nichts, auch nicht den geringsten Mutterpfennig.

Darüber war er traurig und klagte es der Großmutter.

Sie besann sich erst ein Weilchen, dann humpelte sie in ihre Kammer, holte eine kleine, alte Mühle heraus, schenkte sie dem Knaben und sprach: »Wenn du zu dieser Mühle sagst: Mühle, Mühle, mahle mir rote Dukaten gleich allhier! so mahlt sie dir lauter Dukaten, soviel du begehrst; und wenn du sprichst: Mühle, Mühle, stehe still, weil ich nichts mehr haben will, so hört sie auf zu mahlen; und so kannst du dir alle Dinge, die du nur wünschest, von der Mühle mahlen lassen. Sag aber nichts davon, sonst ist es dein Unglück!«

Der Junge bedankte sich, nahm Abschied und ging aufs Schiff.

Als nun die Kameraden wieder mit ihrem blanken Gelde spielten, stellte er sich mit seiner Mühle in einen düstern Winkel und sprach: »Mühle, Mühle, mahle mir rote Dukaten gleich allhier!«

Da mahlte die Mühle lauter rote Dukaten, die fielen klingend in seine lederne Mütze.

Und als die Mütze voll war, sprach er nur: »Mühle, Mühle, stehe still, weil ich nichts mehr haben will!«

Da hörte sie auf zu mahlen.

Nun war er von allen Kameraden der reichste; und wenn es ihnen an Speise fehlte, wie es wohl manchmal geschah, da der Schiffshauptmann sehr geizig war, sprach er nur: »Mühle, Mühle, mahle mir frische Semmeln gleich allhier!« so mahlte sie so lange, bis er das andere Sprüchlein aufsagte; und was er auch sonst noch begehrte, alles mahlte die kleine Mühle.

Nun fragten ihn die Kameraden wohl oft, woher er die schönen Sachen bekomme; doch da er sagte, er dürfe es nicht sagen, drangen sie nicht weiter in ihn, zumal er alles ehrlich mit ihnen teilte.

Es dauerte aber nicht lange, da bekam der böse Schiffshauptmann Wind davon, und eines Abends rief er den Schiffsjungen in die Kajüte und sprach: »Hole deine Mühle und mahle mir frische Hühner!«

Der Knabe ging und brachte einen Korb frischer Hühner.

Damit jedoch war der gottlose Mensch nicht zufrieden: er schlug den armen Jungen so lange, bis dieser ihm die Mühle holte und ihm sagte, was er sprechen müsse, wenn sie mahlen solle; den andern Spruch aber, den man sagen musste, wenn sie aufhören sollte, lehrte er ihn nicht, und der Schiffshauptmann dachte auch nicht daran, ihn danach zu fragen.  

Als der Junge nachher allein auf dem Verdeck stand, ging der Hauptmann zu ihm und stieß ihn ins Meer und dachte nicht daran, wie viel Sorge und Mühe er Vater und Mutter gemacht hatte und wie die blinde Großmutter auf seine Rückkehr hoffte.

An all dies dachte er nicht, sondern stieß ihn ins Meer und sagte, er sei verunglückt, und meinte, damit sei alles abgetan.

Hierauf ging er in seine Kajüte, und da es eben an Salz fehlte, sagte er zu der kleinen Mühle: »Mühle, Mühle, mahle mir weiße Salzkörner gleich allhier!« Da mahlte sie lauter weiße Salzkörner. Als aber der Napf voll war, sprach der Schiffshauptmann: »Nun ist's genug!«

Doch sie mahlte immerzu, und er mochte sagen, was er wollte, sie mahlte immerzu, bis die ganze Kajüte voll war.

Da fasste er die Mühle an, um sie über Bord zu werfen, erhielt aber einen solchen Schlag, dass er betäubt zu Boden fiel.

Und nun mahlte sie immerzu, bis das ganze Schiff voll war und zu sinken begann, und nie ist größere Not auf einem Schiff gewesen.

Zuletzt fasste der Schiffshauptmann sein gutes Schwert und hieb die Mühle in lauter kleine Stücke; aber siehe! aus jedem kleinen Stück wurde eine kleine Mühle, gerade wie die alte gewesen war, und alle Mühlen mahlten lauter weiße Salzkörner.

Da war's bald um das Schiff geschehen: es sank unter mit Mann und Maus und allen Mühlen.

Die aber mahlen unten am Grunde noch immerzu lauter weiße Salzkörner, und wenn du ihnen nun auch den rechten Spruch zuriefest, sie stehen so tief, dass sie es nicht hören würden. Sieh, davon ist das Meerwasser so salzig.

 

Märchen Hannover / www.sagen.at

 

 

 


Juni 2020

Die letzten Wochen haben viele Gedanken ausgelöst.

Was ist in meinem Leben wirklich wichtig? Ohne was kann ich nicht existieren?

Viele Zweifel haben an mir genagt.

Vieles unwichtige ist abgefallen, verblasst.

Dinge, die man für unentbehrlich hielt, sind ohne grosse Mühe entbehrlich geworden.

Ein Märchen, welches die Endlichkeit von solchen Dingen zeigt, heisst "Salz ist wertvoller als Gold".

Von diesem Märchen existieren, wie bei vielen anderen auch (wenn nicht sogar allen), verschiedene Versionen.

Am meisten angetan hat es mir die slowakische.

Wenn es euch gefällt, googelt doch mal nach anderen Versionen.

Es kann durchaus kurzweilig sein....

 

 

Salz ist wertvoller als Gold

 

Es war einmal ein König, der hatte drei Töchter, die er alle gleichermassen liebte.

Er war schon alt und des Herrschens müde, und so sann er oft darüber nach, welche seiner Töchter nach seinem Tode Königin werden sollte.

Endlich beschloss er, diejenige zu seiner Nachfolgerin zu bestimmen, die ihn am meisten liebte.

Er rief die Prinzessinnen vor seinen Thron und sprach zu ihnen :"Meine lieben Töchter! Ich bin alt und schwach geworden, und bevor ich sterbe, will ich eine von euch zu meiner Nachfolgerin ernennen. Erst aber möchte ich wissen, welche von euch dreien mich am innigsten liebt.

Sag du mir, meine Älteste, wie sehr liebst du deinen Vater?"

"Ach lieber Vater, ich liebe dich mehr als Gold!" antwortete diese und küsste seine Hand.

"Und du, meine Zweite, wie sehr liebst du mich denn?"

"Ach, mein gutes Väterchen", rief das Mädchen und umarmte den König, "ich liebe dich, wie meine Perlen und Edelsteine."

"Und nun du, Maruschka, meine Jüngste, sage mir, wie sehr liebst du mich?"

"Ich, Vater, liebe dich so sehr wie Salz!" antwortete sie und schaute den König freundlich an.

"Du liebst deinen Vater nur so sehr wie Salz? Schäme dich!", riefen ihre beiden Schwestern empört.

Auch der alte König wurde böse, und er sprach :"Geh fort von hier. Sollte den Menschen jemals Salz wertvoller sein als Gold und Edelsteine, sollst du Königin werden. Vorher aber darfst du nicht zurückkommen."

Maruschka weinte, als sie das hörte, und ohne ein Wort verliess sie das Schloss ihres Vaters.

Einsam und verlassen stand sie da und wusste nicht, wohin sie ihre Schritte wenden sollte.

Sie wanderte über Berge und Täler, bis sie zu einem dichten Birkenwäldchen kam.

Da begegnete ihr eine alte Frau, die fragte :" Was bedrückt dich denn, mein Kind, dass du so bitterlich weinst?"

" Ach, Mütterchen!", antwortete Maruschka. "Fragt nicht nach meinem Kummer! Ihr könnt mir ja doch nicht helfen!"

"Vielleicht doch", sagte die Alte lächelnd. "Erzähle mir, was dich quält."

Da erzählte Maruschka alles, was ihr widerfahren war, und die Alte hörte zu.

Dann nahm sie das Mädchen bei der Hand und fragte :" Kannst du Schafe hüten oder vielleicht spinnen und weben?"

"Ich habe nichts davon gelernt, doch wenn ihr es mir zeigen wollt, will ich es versuchen", erklärte Maruschka.

"Gut, du wirst sehen, irgendwann kommt das Glück wieder zu dir", entgegnetet die Alte.

So ging Maruschka mit ihr, lernte spinnen und weben und konnte ihren Kummer langsam vergessen.

Doch was geschah unterdessen auf den Schloss?

Die älteste Prinzessin wünschte sich jeden Tag neue Kleider, während ihre Schwester nach neuem Schmuck verlangte, und der König liess ein Festmahl nach dem anderen herrichten.

Eines Tages aber trat der Koch vor den König und sprach :"Herr, ein grosses Missgeschick ist geschehen! Wir haben kein Salz mehr in der Küche, und im ganzen Land findet man kein Körnchen mehr davon."

Der König war verärgert.

Er schickte den Koch hinaus und befahl, das Festmahl ohne Salz zuzubereiten, doch als die Speisen kamen, schmeckten sie nicht.

Ohne Salz fehlte dem Essen der Geschmack.

Da liess der König Boten in alle Himmelsrichtungen ausziehen, um Salz zu holen, aber alle kehrten mit leeren Händen ins Schloss zurück.

Denn, wer noch Salz besass, wollte weder für Gold noch für Edelsteine davon abgeben.

Nun befahl der König dem Koch, süsse Speisen zuzubereiten.

Es gab Kuchen, Gebäck und feine Torten, doch schon bald mochte niemand mehr davon essen.

Das einzige, wonach sich die Menschen sehnten, war ein Körnchen Salz.

Ohne Salz wurden sie schnell müde, sie fühlten sich schwach und krank.

Auch die Tiere litten, und bald ging es dem ganzen Land schlecht, auch dem König und seinen beiden Töchtern.

Da erst erkannten sie, wie kostbar Salz war, und die Schuld, Maruschka Unrecht getan zu haben, lastete schwer auf des Königs Gewissen.

Maruschka ahnte nicht, wie schlecht es ihrem Vater und ihren beiden Schwestern im Schloss erging.

Die weise Frau jedoch wusste über alles Bescheid, und sie sprach zu Maruschka :"Du hast mir treu gedient, nun ist es Zeit, dass du nach Hause zurückkehrst. Nimm dieses Säckchen mit Salz mit, es soll dir Glück bringen."

Dankend nahm Maruschka das Säckchen, verwahrte es sorgfältig und verabschiedete sich von der guten Alten.

Sie machte sich auf den Weg, und als sie sich noch einmal umdrehte, war das Mütterchen spurlos verschwunden.

Maruschka wanderte über Berge und durch Täler, bis sie zum Schloss ihres Vaters kam.

Als sie ans Tor klopfte, erkannte sie niemand, und die Wachen wollten sie nicht einlassen.

Da bat sie :"Ach, lasst mich doch ein. Ich bringe ein Geschenk, welches den König gesund machen wird!"

Als der König dies hörte, befahl er, das Mädchen zu ihm zu bringen, doch er erkannte Maruschka nicht.

"Ich bringe euch Salz", sprach Maruschka und öffnete ihren Beutel. 

Sie gab dem König ein wenig von den glitzernden Körnchen, und kaum spürte der König das Salz im Mund, da kehrten seine Lebensgeister zurück, und er fühlte sich sogleich besser.

" Wie kann ich dir für deine Gabe danken? Sag mir, was du dir wünschst!" sprach er.

"Nichts wünsche ich mir sehnlicher, als dass du, mein geliebtes Väterchen, mich wiederum zu dir nimmst, und mich ebenso liebst wie das Salz hier", antwortete Maruschka.

Der König war überglücklich, als er seine jüngste Tochter erkannte.

Er bat sie um Verzeihung, und Maruschka verzieh ihm alles Unrecht, welches ihr geschehen war.

Auch die Schwestern erhielten Salz von Maruschka, und bald verbreitete sich im Schloss und im ganzen Land die Kunde, dass des Königs jüngste Tochter heimgekehrt war und Salz mitgebracht hatte.

Jeder, der im Schloss erschien und um Salz bat, bekam ein wenig aus dem Beutelchen, das niemals leer wurde.

Der König aber bestimmte Maruschka zu seiner Nachfolgerin, und sie lebte noch viele, lange Jahre glücklich.

 

Märchen aus der Slowakei / Kindermärchen aus aller Welt, Mutabor Verlag

 

 


Mai 2020

Nach einem Monat Pause, nun endlich ein neues Märchen auf meiner Liste.

Eine sehr seltsame Zeit liegt hinter uns und ist noch immer am wirken.

Viel alltägliches wurde umgekrempelt, verändert.

Wohl oder übel mussten wir uns hineinschicken.

Für die einen war es einfacher, für andere wurde es schwer und ist es immer noch. 

Ungewiss, was noch kommen mag.

Irgendwo habe ich gelesen "Wenn man nicht nach aussen gehen kann, kann man nach innen gehen"

Sich mit sich selber auseinandersetzen, mit seinem inneren. Nicht nur eine leichte Aufgabe.

Doch, zumindest ich, betrachte es als wertvolle Zeit.

Wann, wenn nicht jetzt, haben wir so viel "geschenkte" Zeit.

Viele werden mit ihren Ängsten konfrontiert.

Andere sind mit sich selber überfordert.

Und doch birgt diese Zeit eine grosse Hoffnung auf Neuanfänge. Wie auch immer diese aussehen mögen.

Warscheinlich ist auch darum das Mai Märchen ein seltsames Märchen.

Ich hoffe, euch mit diesem Märchen etwas andere Gedanken auszulösen.

Oder zumindest ein schmunzeln...

 

 

Das seltsamste Ding der Welt

 

Es war einmal ein König. Der war Witwer und hatte drei Söhne.

Und in einem andern Reich lebte eine Königin, die war Witwe und hatte eine sehr schöne Tochter.

Und der König und die Königin lernten einander kennen und heirateten sich.

Und da die Tochter der Königin fast ebenso alt war wie die drei Söhne des Königs, verliebten sich alle drei in sie und wollten sie heiraten.

Da gingen die drei zu ihrem Vater, und der älteste sagte zu ihm: »Hört, lieber Vater, wir möchten alle drei unsere Stiefschwester heiraten, und da es doch nicht angeht, dass sie sich mit dreien verheiratet, so bitten wir euch, Ihr möchtet entscheiden, wer von uns sie heiraten soll. Mit dem, was Ihr sagt, werden wir uns zufrieden geben.«

Und der Vater sagte zu ihnen: »Meine Söhne, es ist eure Stiefschwester, und da scheint mir, keiner sollte sich mit ihr verheiraten, aber da ihr es trotzdem wollt, so macht euch auf den Weg und seht zu, dass Ihr mir das seltsamste Ding der Welt bringt, und wer von euch damit zurückkommt, der mag sie haben.« Nun gut: die drei Brüder zogen in die Welt hinaus und machten sich auf die Suche nach dem seltsamsten Ding.

Und als sie an eine Wegkreuzung kamen, schlug jeder eine andere Richtung ein.

Und der Älteste kam in eine große Stadt und begann sogleich, überall herumzusuchen.

Als er schon den ganzen Markt und alle Plätze nach dem seltsamsten Ding abgesucht hatte, fand er plötzlich einen Teppich, der hatte eine Sprungfeder. Wenn man darauf stieg, ging die Feder los, und man konnte so hoch fliegen, wie man wollte.

Und er sagte zu dem, der ihn verkaufte: »Wie viel wollt Ihr für diesen Teppich haben?«

Der antwortete ihm, dass er tausend Taler koste.

Da gab er ihm die tausend Taler und ging mit dem Teppich fort.

Nun gut; indessen war der zweite in ein Dorf gekommen, wo ein Mann war, der verkaufte ein Fernrohr von einer halben Ellenlänge.

Und er geht zu ihm hin und sagt: »Lieber Mann, ich suche überall ein sehr seltsames Ding. Sagt mir, was verkauft Ihr?«

Und er antwortete ihm: »Nehmt dieses Fernrohr und schaut hindurch. Was wollt Ihr sehen?«

»Meinen Bruder.« Und der Jüngling blickte durch das Fernrohr und sah seinen Bruder mit dem Teppich dahin wandern.

Nun gut. Da sagte er zu dem Händler: »Wie viel wollt Ihr für das Fernrohr haben?«

»Nun ja. Mit tausend Talern gebe ich mich zufrieden.« - Da gab er ihm die tausend Taler und zog mit dem Fernrohr ab.

Inzwischen hatte der dritte auch eine Stadt erreicht und suchte ebenfalls auf dem Markt und allen Plätzen nach einem sehr seltsamen Ding.

Und da sah er auf einem Platz einen alten Mann, der Äpfel feilbot und dabei sagte: »Äpfel, gute Äpfel, die Kranke heilen !«

Der Jüngling ging zu ihm hin und fragte: »Was ist denn Besonderes an diesen Äpfeln?«

»Diese Äpfel können Kranke wieder gesund machen, wenn man ihnen damit über das Gesicht streicht, so dass sie den Apfel riechen.«

Darauf sagt der Jüngling: »Gut, so einen Apfel will ich kaufen und ihn nach Hause bringen. Wie viel wollt Ihr für den Apfel haben?«

»Tausend Taler«, antwortete ihm der andere.

Da gibt er ihm die tausend Taler und geht mit dem Apfel fort.

Auf der Reise nach Hause bekam der Bruder mit dem Fernrohr plötzlich Lust, seine Brüder zu sehen.

Er blickte hindurch und fand den Ältesten. Und er wanderte zu ihm hin und sagte: »Weißt du, wo unser jüngster Bruder ist?«

»Da nimm das Fernrohr und guck hindurch.«

Der andere tat es und erkannte den jüngsten Bruder, der allein seines Weges zog.

Und da sagte der Älteste: »Dies Fernrohr willst du wohl dem Vater bringen?«

Und der zweite sagt: »Ja, das will ich.«

»Nun sieh her, ich bringe ihm ein sehr viel seltsameres Ding mit. Sieh diesen Teppich hier. Sowie man ihn betritt, steigt er hoch und fliegt so hoch, wie man will und wohin man will.«

Der zweite sagt darauf zu ihm: »Gut, das wollen wir gleich einmal sehen.«

Und sie stellten sich darauf, und sofort stieg der Teppich mit den beiden in die Höhe.

Und sie flogen in den Ort, wo sie den jüngsten Bruder im Fernrohr entdeckt hatten.

Nun waren alle beisammen.

Und sie fragten den Jüngsten, was er gekauft habe.

Und der erzählte: »Ich habe hier einen Apfel gekauft; wenn man damit über das Gesicht eines Kranken streicht, so dass er ihn riecht, wird er auf der Stelle wieder gesund.«

Nun gut! Dann traten sie alle drei auf den Teppich, und die Feder ging los, und die drei flogen ganz, ganz hoch.

Und nachdem sie so einige Zeit geflogen waren, nahm der Jüngste das Fernrohr seines Bruders und sah hindurch und sagte: »O weh, was sehe ich? Die Stiefschwester liegt sterbenskrank im Bett.«

Da sagt der Jüngste: »Lass uns schnell machen.«

Und so schnell sie können, fliegen sie mit dem Teppich nach Haus.

Sie traten ein, als das Mädchen schon in den letzten Zügen lag.

Der Jüngste geht mit seinem Apfel zu ihr hin und lässt sie daran riechen.

Im Augenblick wird ihr wohler, und nach einigen Tagen ist sie ganz gesund.

Da gehen die drei zu ihrem Vater und zeigen ihm, was jeder mitgebracht hat.

Und der Jüngste sagt: »Vater, ich werde sie bekommen; denn der Apfel, den ich mitgebracht habe, hat sie gesund gemacht.«

Und der zweite sagt: »Nein, ich werde sie bekommen, denn ohne das Fernrohr hätten wir nicht gewusst, dass sie krank war.«

Der Älteste sagt: »Aber nein, ohne den Teppich waren wir niemals rechtzeitig gekommen, darum muss ich sie haben.«

Und der Vater denkt eine Weile nach und sagt dann:,»Meine Söhne, mir scheint, der mit dem Fernrohr hat das größte Verdienst.« Darauf schweigen die beiden andern, und der Vater geht zur Stieftochter und sagt ihr dasselbe.

Und das Mädchen meint: »Mir aber scheint, dem mit dem Apfel gebührt das größte Verdienst. Ihn habe ich von jeher am liebsten gehabt, und mit ihm möchte ich mich verheiraten.«

Und so verheiratete sie sich mit dem jüngsten Bruder.

Nun gut! Hätte sie das gleich von vornherein gesagt, wäre die ganze Geschichte nicht nötig gewesen, und ich hätte das Märchen nicht erzählen müssen.

 

Märchen aus Spanien / hekaya.de


März 2020

 

Der standhafte Zinnsoldat

 

Es waren einmal fünfundzwanzig Zinnsoldaten, die waren alle Brüder, denn sie waren aus einem alten zinnernen Löffel gemacht worden.

Das Gewehr hielten sie im Arm und das Gesicht geradeaus; rot und blau, überaus herrlich war die Uniform; das allererste, was sie in dieser Welt hörten, als der Deckel von der Schachtel genommen wurde, in der sie lagen, war das Wort "Zinnsoldaten!"

Das rief ein kleiner Knabe und klatschte in die Hände; er hatte sie erhalten, denn es war sein Geburtstag, und er stellte sie nun auf dem Tische auf.

Der eine Soldat glich dem andern leibhaft, nur ein einziger war etwas anders; er hatte nur ein Bein, denn er war zuletzt gegossen worden, und da war nicht mehr Zinn genug da; doch stand er ebenso fest auf seinem einen Bein wie die andern auf ihren zweien, und gerade er war es, der sich bemerkbar machte.

Auf dem Tisch, auf dem sie aufgestellt wurden, stand vieles andere Spielzeug; aber das, was am meisten in die Augen fiel, war ein niedliches Schloss von Papier; durch die kleinen Fenster konnte man gerade in die Säle hineinsehen.

Draußen vor ihm standen kleine Bäume rings um einem kleinen Spiegel, der wie ein kleiner See aussehen sollte. Schwäne von Wachs schwammen darauf und spiegelten sich.

Das war alles niedlich, aber das niedlichste war doch ein kleines Mädchen, das mitten in der offenen Schlosstür stand; sie war auch aus Papier ausgeschnitten, aber sie hatte ein schönes Kleid und ein kleines, schmales, blaues Band über den Schultern, gerade wie ein Schärpe; mitten in diesem saß ein glänzender Stern, gerade so groß wir ihr Gesicht.

Das kleine Mädchen streckte seine beiden Arme aus, denn es war eine Tänzerin, und dann hob es das eine Bein so hoch empor, dass der Zinnsoldat es durchaus nicht finden konnte und glaubte, dass es gerade wie er nur ein Bein habe.

"Das wäre eine Frau für mich.", dachte er. "Aber sie ist etwas vornehm, sie wohnt in einem Schlosse, ich habe nur eine Schachtel, und da sind wir fünfundzwanzig darin, das ist kein Ort für sie, doch ich muss suchen, Bekanntschaft mit ihr anzuknüpfen!"

Und dann legte er sich, so lang er war, hinter eine Schnupftabaksdose, die auf dem Tische stand.

Da konnte er recht die kleine, feine Dame betrachten, die fortfuhr auf einem Bein zu stehen, ohne umzufallen.

Als es Abend wurde, kamen alle die andern Zinnsoldaten in ihre Schachtel, und die Leute im Hause gingen zu Bette.

Nun fing das Spielzeug an zu spielen, sowohl "Es kommt Besuch!" als auch "Krieg führen" und "Ball geben"; die Zinnsoldaten rasselten in der Schachtel, denn sie wollten mit dabei sein, aber sie konnten den Deckel nicht aufheben.

Der Nussknacker schoss Purzelbäume, und der Griffel belustigte sich auf der Tafel; es war ein Lärm, dass der Kanarienvogel davon erwachte und anfing mitzusprechen, und zwar in Versen.

Die beiden einzigen, die sich nicht von der Stelle bewegten, waren der Zinnsoldat und die Tänzerin; sie hielt sich gerade auf der Zehenspitze und beide Arme ausgestreckt; er war ebenso standhaft auf seinem einen Bein; seine Augen wandte er keinen Augenblick von ihr weg.

Nun schlug die Uhr zwölf, und klatsch, da sprang der Deckel von der Schnupftabaksdose auf, aber da war kein Tabak darin, nein, sondern ein kleiner, schwarzer Kobold.

Das war ein Kunststück!

"Zinnsoldat" sagte der Kobold, "halte deine Augen im Zaum!" Aber der Zinnsoldat tat, als ob er es nicht hörte.

"Ja, warte nur bis morgen!" sagte der Kobold.

Als es nun Morgen wurde und die Kinder aufstanden, wurde der Zinnsoldat in das Fenster gestellt, und war es nun der Kobold oder der Zugwind, auf einmal flog das Fenster zu, und der Soldat stürzte drei Stockwerke tief hinunter.

Das war eine erschreckliche Fahrt. Er streckte das Bein gerade in die Höhe und blieb auf der Helmspitze mit dem Bajonett abwärts zwischen den Pflastersteinen stecken.

Das Dienstmädchen und der kleine Knabe kamen sogleich hinunter, um zu suchen; aber obgleich sie nahe daran waren, auf ihn zu treten, so konnten sie ihn doch nicht erblicken. Hätte der Zinnsoldat gerufen: "Hier bin ich!", so hätten sie ihn wohl gefunden, aber er fand es nicht passend, laut zu schreien, weil er in Uniform war.

Nun fing es an zu regnen; die Tropfen fielen immer dichter, es ward ein ordentlicher Platzregen; als der zu Ende war, kamen zwei Straßenjungen vorbei.

"Sieh du!" sagte der eine, "da liegt ein Zinnsoldat! Der soll hinaus und segeln!"

Sie machten ein Boot aus einer Zeitung, setzten den Soldaten mitten hinein, und nun segelte er den Rinnstein hinunter; beide Knaben liefen nebenher und klatschten in die Hände.

Was schlugen da für Wellen in dem Rinnstein, und welcher Strom war da!

Ja, der Regen hatte aber auch geströmt. Das Papierboot schaukelte auf und nieder, mitunter drehte es sich so geschwind, dass der Zinnsoldat bebte; aber er blieb standhaft, verzog keine Miene, sah geradeaus und hielt das Gewehr im Arm.

Mit einem Male trieb das Boot unter eine lange Rinnsteinbrücke; da wurde es gerade so dunkel, als wäre er in seiner Schachtel.

"Wohin mag ich nun kommen?" dachte er. "Ja, Ja, das ist des Kobolds Schuld! Ach, säße doch das kleine Mädchen hier im Boote, da könnte es meinetwegen noch einmal so dunkel sein!"

Da kam plötzlich eine große Wasserratte, die unter der Rinnsteinbrücke wohnte.

"Hast du einen Pass?" fragte die Ratte. "Her mit dem Passe!"

Aber der Zinnsoldat schwieg still und hielt das Gewehr noch fester.

Das Boot fuhr davon und die Ratte hinterher. Hu, wie fletschte sie die Zähne und rief den Holzspänen und dem Stroh zu: "Halt auf! Halt auf! Er hat keinen Zoll bezahlt; er hat den Pass nicht gezeigt!"

Aber die Strömung wurde stärker und stärker! Der Zinnsoldat konnte schon da, wo das Brett aufhörte, den hellen Tag erblicken, aber er hörte auch einen brausenden Ton, der wohl einen tapfern Mann erschrecken konnte.

Denkt nur, der Rinnstein stürzte, wo die Brücke endete, gerade hinaus in einen großen Kanal; das würde für den armen Zinnsoldaten ebenso gefährlich gewesen sein wie für uns, einen großen Wasserfall hinunterzufahren!

Nun war er schon so nahe dabei, dass er nicht mehr anhalten konnte.

Das Boot fuhr hinaus, der Zinnsoldat hielt sich so steif, wie er konnte; niemand sollte ihm nachsagen, dass er mit den Augen blinke.

Das Boot schnurrte drei-, viermal herum und war bis zum Rande mit Wasser gefüllt, es musste sinken.

Der Zinnsoldat stand bis zum Halse im Wasser, und tiefer und tiefer sank das Boot, mehr und mehr löste das Papier sich auf; nun ging das Wasser über des Soldaten Kopf.

Da dachte er an die kleine, niedliche Tänzerin, die er nie mehr zu Gesicht bekommen sollte, und es klang vor des Zinnsoldaten Ohren das Lied:

"Fahre, fahre Kriegsmann!

Den Tod musst du erleiden!"

Nun ging das Papier entzwei, und der Zinnsoldat stürzte hindurch, wurde aber augenblicklich von einem großen Fisch verschlungen.

Wie war es dunkel da drinnen! Da war es noch schlimmer als unter der Rinnsteinbrücke, und dann war es so sehr eng; aber der Zinnsoldat war standhaft und lag, so lang er war, mit dem Gewehr im Arm.

Der Fisch fuhr umher, er machte die allerschrecklichsten Bewegungen; endlich wurde er ganz still, es fuhr wie ein Blitzstrahl durch ihn hin. Das Licht schien ganz klar, und jemand rief laut: "Der Zinnsoldat!"

Der Fisch war gefangen worden, auf den Markt gebracht, verkauft und in die Küche hinaufgekommen, wo die Köchin ihn mit einem großen Messer aufschnitt.

Sie nahm mit zwei Fingern den Soldaten mitten um den Leib und trug ihn in die Stube hinein, wo alle den merkwürdigen Mann sehen wollten, der im Magen eines Fisches herumgereist war; aber der Zinnsoldat war gar nicht stolz.

Sie stellten ihn auf den Tisch und da - wie sonderbar kann es doch in der Welt zugehen!

Der Zinnsoldat war in derselben Stube, in der er früher gewesen war, er sah dieselben Kinder, und das gleiche Spielzeug stand auf dem Tische, das herrliche Schloss mit der niedlichen, kleinen Tänzerin.

Die hielt sich noch auf dem einen Bein und hatte das andere hoch in der Luft, sie war auch standhaft. Das rührte den Zinnsoldaten, er war nahe daran, Zinn zu weinen, aber es schickte sich nicht. Er sah sie an, aber sie sagten gar nichts.

Da nahm der eine der kleinen Knaben den Soldaten und warf ihn gerade in den Ofen, obwohl er gar keinen Grund dafür hatte; es war sicher der Kobold in der Dose, der schuld daran war.

Der Zinnsoldat stand ganz beleuchtet da und fühlte eine Hitze, die erschrecklich war; aber ob sie von dem wirklichen Feuer oder von der Liebe herrührte, das wusste er nicht.

Die Farben waren ganz von ihm abgegangen - ob das auf der Reise geschehen oder ob der Kummer daran schuld war, konnte niemand sagen.

Er sah das kleine Mädchen an, sie blickte ihn an, und er fühlte, dass er schmelze, aber noch stand er standhaft mit dem Gewehre im Arm.

Da ging eine Tür auf, der Wind ergriff die Tänzerin, und sie flog, einer Sylphide gleich, gerade in den Ofen zum Zinnsoldaten, loderte in Flammen auf und war verschwunden.

Da schmolz der Zinnsoldat zu einem Klumpen, und als das Mädchen am folgenden Tage die Asche herausnahm, fand sie ihn als ein kleines Zinnherz; von der Tänzerin hingegen war nur der Stern noch da, und der war kohlschwarz gebrannt.

 

Hans Christian Andersen


 

Februar 2020

 

 

Der Januar hat mein Jahresthema offenbart.

Ich weiss, dass ich immer gesagt habe, dass es klassische Märchen vorerst nicht in mein Repertoire schaffen.

Und doch zieht es mich jetzt zu den Märchen meiner Kindheit.

Mit den Augen eines Erwachsenen lese ich diese Geschichten und es zeigen sich Bilder, die längst vergessen schienen.

Sie steigen hoch und lösen eine wohlige Wärme aus.

Manche Dinge erscheinen plötzlich klar, andere benötigen etwas Zeit.

Ich nehme euch jetzt mit auf eine Reise zu meinen Wurzeln.

Zu Geschichten die "auf den zweiten Blick" hoffentlich auch euer Herz zu erwärmen vermögen wie mein eigenes.

Das Februarmärchen ist ein sehr bekanntes Märchen.

Für mich etwas besonderes ist das Bild vom....

Nein, mein Bild verrate ich nicht!

Entdeckt eures selber....

 

Dornröschen

 

Vor Zeiten war ein König und eine Königin, die sprachen jeden Tag: "Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!" und kriegten immer keins.

Da trug sich zu, als die Königin einmal im Bade sass, dass ein Frosch aus dem Wasser ans Land kroch und zu ihr sprach: "Dein Wunsch wird erfüllt werden, ehe ein Jahr vergeht, wirst du eine Tochter zur Welt bringen."

 

Was der Frosch gesagt hatte, das geschah, und die Königin gebar ein Mädchen, das war so schön, dass der König vor Freude sich nicht zu lassen wusste und ein grosses Fest anstellte.

Er ladete nicht bloss seine Verwandte, Freunde und Bekannte, sondern auch die weisen Frauen dazu ein, damit sie dem Kind hold und gewogen wären.

Es waren ihrer dreizehn in seinem Reiche, weil er aber nur zwölf goldene Teller hatte, von welchen sie essen sollten, so musste eine von ihnen daheim bleiben.

 

Das Fest ward mit aller Pracht gefeiert, und als es zu Ende war, beschenkten die weisen Frauen das Kind mit ihren Wundergaben: die eine mit Tugend, die andere mit Schönheit, die dritte mit Reichtum, und so mit allem, was auf der Welt zu wünschen ist.

Als elfe ihre Sprüche eben getan hatten, trat plötzlich die dreizehnte herein. Sie wollte sich dafür rächen, dass sie nicht eingeladen war, und ohne jemand zu grüssen oder nur anzusehen, rief sie mit lauter Stimme: "Die Königstochter soll sich in ihrem fünfzehnten Jahr an einer Spindel stechen und tot hinfallen." Und ohne ein Wort weiter zu sprechen, kehrte sie sich um und verliess den Saal.

Alle waren erschrocken, da trat die zwölfte hervor, die ihren Wunsch noch übrig hatte, und weil sie den bösen Spruch nicht aufheben, sondern nur ihn mildern konnte, so sagte sie: "Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf, in welchen die Königstochter fällt."

 

Der König, der sein liebes Kind vor dem Unglück gern bewahren wollte, liess den Befehl ausgehen, dass alle Spindeln im ganzen Königreiche verbrannt werden.

An dem Mädchen aber wurden die Gaben der weisen Frauen sämtlich erfüllt, denn es war so schön, sittsam, freundlich und verständig, dass es jedermann, er es ansah, lieb haben musste.

Es geschah, dass an dem Tage, wo es gerade fünfzehn Jahr alt ward, der König und die Königin nicht zu Haus waren, und das Mädchen ganz allein im Schloss zurückblieb.

Da ging es allerorten herum, besah Stuben und Kammern, wie es Lust hatte, und kam endlich auch an einen alten Turm.

Es stieg die enge Wendeltreppe hinauf, und gelangte zu einer kleinen Türe.

In dem Schloss steckte ein verrosteter Schlüssel, und als es umdrehte, sprang die Türe auf, und sass da in einem kleinen Stübchen eine alte Frau mit einer Spindel und spann emsig ihren Flachs.

 

"Guten Tag, du altes Mütterchen," sprach die Königstochter, "was machst du da?" 

"Ich spinne," sagte die Alte und nickte mit dem Kopf .

"Was ist das für ein Ding, das so lustig herumspringt?" sprach das Mädchen, nahm die Spindel und wollte auch spinnen.

Kaum hatte sie aber die Spindel angerührt, so ging der Zauberspruch in Erfüllung, und sie stach sich damit in den Finger.

In dem Augenblick aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie auf das Bett nieder das da stand, und lag in einem tiefen Schlaf.

 

Und dieser Schlaf verbreite sich über das ganze Schloss: der König und die Königin, die eben heimgekommen waren und in den Saal getreten waren, fingen an einzuschlafen und der ganze Hofstaat mit ihnen.

Da schliefen auch die Pferde im Stall, die Hunde im Hofe, die Tauben auf dem Dache, die Fliegen an der Wand, ja, das Feuer, das auf dem Herde flackerte, ward still und schlief ein, und der Braten hörte auf zu brutzeln, und der Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, in den Haaren ziehen wollte, liess ihn los und schlief.

Und der Wind legt sich, und auf den Bäumen vor dem Schloss regte sich kein Blättchen mehr.

Rings um das Schloss aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die jedes Jahr höher ward, und endlich das ganze Schloss umzog und darüber hinauswuchs, dass gar nichts davon zu sehen war, selbst nicht die Fahne auf den Dach.

 

Es ging aber die Sage in dem Land von dem schönen schlafenden Dornröschen, denn so ward die Königstochter genannt, also dass von Zeit zu Zeit Königssöhne kamen und durch die Hecke in das Schloss dringen wollten.

Es war ihnen aber nicht möglich, denn die Dornen, als hätten sie Hände, hielten fest zusammen, und die Jünglinge blieben darin hängen, konnten sich nicht wieder losmachen und starben eines jämmerlichen Todes.

 

Nach langen Jahren kam wieder einmal ein Königssohn in das Land, und hörte, wie ein alter Mann von der Dornenhecke erzählte, es sollte ein Schloss dahinter stehen, in welchem eine wunderschöne Königstochter, Dornröschen genannt, schon seit hundert Jahren schliefe, und mit ihr der König und die Königin und der ganze Hofstaat.

Er wusste auch von seinem Grossvater, dass schon viele Königssöhne gekommen wären und versucht hätten, durch die Dornenhecke zu dringen, aber sie wären darin hängengeblieben und eines traurigen Todes gestorben.

Da sprach der Jüngling: "Ich fürchte mich nicht, ich will hinaus und das schöne Dornröschen sehen."

Der gute Alte mochte ihm abraten, wie er wollte, er hörte nicht auf seine Worte.

Nun waren aber gerade die hundert Jahre verflossen, und der Tag war gekommen, wo Dornröschen wieder erwachen sollte.

Als der Königssohn sich der Dornenhecke näherte, waren es lauter grosse schöne Blumen, die taten sich von selbst auseinander und liessen ihn unbeschädigt hindurch, und hinter ihm taten sie sich wieder als Hecke zusammen.

Im Schlosshof sah er die Pferde und scheckigen Jagdhunde liegen und schlafen, auf dem Dach sassen die Tauben und hatten das Köpfchen unter den Flügel gesteckt.

Und als er ins Haus kam, schliefen die Fliegen an der Wand, der Koch in der Küche hielt noch die Hand, als wollte er den Jungen anpacken, und die Magd sass vor dem schwarzen Huhn, das sollte gerupft werden.

 

Da ging er weiter und sah im Saale den ganzen Hofstaat liegen und schlafen, und oben bei dem Throne lag der König und die Königin.

Da ging er noch weiter, und alles war so still, dass einer seinen Atem hören konnte, und endlich kam er zu dem Turm und öffnete die Türe zu der kleinen Stube, in welcher Dornröschen schlief.

Da lag es und war so schön, dass er die Augen nicht abwenden konnte, und er bückte sich und gab ihm einen Kuss.

 

Wie er es mit dem Kuss berührt hatte, schlug Dornröschen die Augen auf, erwachte, und blickte ihn ganz freundlich an.

Da gingen sie zusammen herab, und der König erwachte und die Königin und der ganze Hofstaat, und sahen einander mit grossen Augen an.

Und die Pferde im Hof standen auf und rüttelten sich; die Jagdhunde sprangen und wedelten; die Tauben auf dem Dache zogen das Köpfchen unterm Flügel hervor, sahen umher und flogen ins Feld; die Fliegen an den Wänden krochen weiter; das Feuer in der Küche erhob sich, flackerte und kochte das Essen; der Braten fing wieder an zu brutzeln; und der Koch gab dem Jungen eine Ohrfeige, dass er schrie; und die Magd rupfte das Huhn fertig.

 

Und da wurde die Hochzeit des Königssohns mit dem Dornröschen in aller Pracht gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende.

 

 

Ein Märchen der Brüder Grimm

 

 


Januar 2020

Noch befinden wir uns mitten in den Raunächten. Die letzte Nacht die diese abschliesst ist am 6. Januar.

Die Berchtennacht.

Vorallem ich sehne mich nach dem Licht.

Darum habe ich mich auch für dieses Märchen im Januar entschieden.

Ich habe zwar schon die Erfahrung gemacht, dass manche Leute dieses Märchen als düster und traurig bezeichnen. 

"Es liegt im Auge des Betrachters", könnte man hier sagen.

Doch egal, wie es sich in ihren Augen zeigt, so hoffe ich, dass ich ihnen mit diesem Märchen doch irgendetwas für das kommende Jahr mitgeben kann....

 

Zum ersten Mal ist das Monatsmärchen in Mundart, da ich es erstens genau so erzähle und es zweitens ein einmaliger Zusammenschnitt aus mehreren Versionen dieses Märchens ist....

Nun wünsche ich....Viel Glück....fürs neue Jahr...fürs "begreifen"....und vorallem....fürs Lesen.

 

 

Die uusbloosete Liechtli

 

Aut und vom Wätter zeichnet schtooht es Buurehuus i dr Einsamkeit vo höche Bärge.

Do chunnt i jedere Dreikönigsnacht, wo i vüune Gägende ou Berchtenacht heisst, d Frou Berchta verbii.

Und d Heimeli, d Seele vo de z früech Verschtorbne und Ungeborene Ching, begleite se uf ihrere Fahrt.

Jetz isch es so Sitte, und passiert us auter Verpflichtig, dass d Autbüüri e Tisch mit Schpiis und Trank a däm Houwääg muess uufschtöue. Dört wo dr nächtlech Umzug entlang fahrt. 

D Frou Berchta leit dr Sääge über d Gaabe und über d Gäber, duet wou ou drvo choschte und bliebt de Fäuder, em Vieh und dr ganze Sippe fründlech gsinnt.

Doch es güut es schträngs Gsetz. Es darf niemer a däm Oobe us em Huus zum gwungere, oder heimlech zuelose. D Frou Berchta darf nid mit niederem Gwunger beläschtigt wärde, wenn sie sech einisch wott schterche.

A eim vo dene Ööbe, wo d Büüri wieder einisch dr Tisch i dr Schlucht mit Sorgfaut bereitet hett und grad dr Mond über em Bärgwaud uufgschtiege isch,do schliiechet die jüngschti Magd vom Huus use. Sie wird vo Zwiefu und Gwunger plooget. I dr nööchi vor Schlucht versteckt sie sech imene Houzschpiicher. Sie luegt nach däm feschtleche Tisch, wo no die bleiche Nudle druffe dampfe.

So harret sie ungeduudig us, uf das was sech äch begäbi und tritt vom einte Fuess uf e anger.

Nume wott sech do gär nüt tue.

Ke Haas springt übers Schneefäud , ke Vogu hocket i de veriiste Zwiige vor Birke, wo sech übere Tisch biege.

Es duet scho d Schtüui vom Warte zu ihre schläfere. Und si verlüürt dr Gloube a d Bricht vo dr Aute Büüri.

Do ändlech ghört si fiins Zirpe und Singe vom Bärgwaud här. Wie Liedgsang und Saiteklang.

Es chunnt nöcher, mit trippelnde Schrittli im weiche Schnee, d Schar vo de seelige Heimeli.

Voruus schriittet d Frou Berchta säuber. Und um sie ume verdichtet sech dr Mondschiin zum Glanz.

Die Chliine hange ihre a und schlüüfe unger ihre läng Mantu, wie d Bibali unger de Flügle vor Gluggere. Angeri düe zur Zithere und Giige mit süubrige Schtimmli summe und singe.

Am Ändi schleppe sech es paar vo dene Ching mit eme schwäre Pflueg, wo über d Ächer gschleift wird.

Ou Chrüegli, mit goudigem Tou gfüut, träge die Chliine. Dä schwappt drüberuus und dringt düre Schnee düre  i schlummernd Bode.

Jetz bliebt d Frou Berchta nachdänklech näbem Gaabetisch schtooh und seit zu eim vo de Ching:“ I gseh zwöi Liechtli, die si z vüu; gang und bloos se uus!“

D Magd hinger dr Türe gschpürt e chaute Aahuuch uf ihri Wimpere, und dr Mondschiin erlischt. Es stüupt sech über se, wie ne schwarze Sack.

S schöne Singe wandlet sech i Weh und Ach.

Verschrocke schtoost sie d Tür uf, doch ou dusse bliebt sie i ihrere Liechtlosigkeit. Dr  Mond isch Tot.

Do tappet sie klagend, mit Träne i de Ouge zum Hof zrugg.Sie suecht im Härd s gwohnte Lüüchte vo de Flamme.

Aber d Härdgluet bisst nume ihri Hutt und verbrönnt  ihri Wimpere, wüu dr Blick isch erlosche.

Bling isch sie und bländet wird sie bliebe.

Jetz aber läbt uf em Hof e uurauti Frou.Die isch no vo dr aute Wäut. Die sitzt zu jedere Stung am Härd, spinnt im Rouch und nimmt s Unsichtbare woohr.

D Wiisheit vo de aute Ziite isch ihre no vertrout. Und sie weiss meh vo Wächsu und Wandu aus angeri.

Jetz muess die jungi Magd vüu bi dr Aute am Härd sitze und schpinne, Flachs bräche, hächle oder süsch e Arbeit verrichte, wie se äuä ou e Blinge zämetaschtet.

Aber sie hocket schtiif und verschtocket a dr Gluet, wüu ihri jungi Seeu isch iigfroore, vor bitterem Schmärz.

Auso verharret sie über d Winterdääg i ihrem Trotz und kes Troschtwort vo dr Aute mah se erwecke.

Wo jetz aber ändlech dr Früehlig us aune Büsch bricht und s erschte Vogulied us em Bluemegarte überewäiht, do touet die jungi Seeu ou wieder uf. Und die bländeti rüeft i dr erschte Fröid “Ghörsch du Eller? So los doch, wie dä Vogu rüeft! Was er äch weiss? O, wär doch nume d Schprooch vo de Tier würd verschtooh, was möchti dä aues erfahre?“

Do lächlet die Auti und seit;" Uf das Lied hani lang gwartet. So wott i dir jetz u saute Ziite verzöue, wo d Frou Berchta no aunenorte unger de Mönsche gwürkt hett."

Si chnüpft e nöie Fade a aut und verzöut vo dr Waudfrou, dr Spinnstubemuhme, dr Herrin vom Rosegarte und dr Muetter vo de Heimeli.

Immer nöii Gschichte lockt die Jungi us der Aute use. Und sie erhäuet drmit ihres dunkle Joohr. Solang bis wieder die heilige Zwöuf chöme.

Scho duftets im Garte nach Honigchueche und süessem Gwürz, und die versunkni Sunne macht sech parat zur Wiedergeburt us em Schatte vo dr Nacht.

Hüüfig liegt s Meitschi no wach uf sim Lager und studiert über aues, wo die auti Grossmuetter verkündet hett. Sie gseht aues i Spiegle, wo drinne ihri innere Ouge göffnet si. Si läbt und liidet das aues wie ihres eigene. Und wie si jetz uselost id Nacht vo de Nächt, weiss sie, dass d Erfüuig vor dr Türe schtooht.

Wo s jetz wieder uf e Dreikünigsööbe zuegeit, seit die Auti; „Du hesch jetz glehrt, ou ohni Ouge z schaffe, bisch fliissig gse und chasch sogar wieder lache. Morn isch wieder Berchteoobe, do chunnt d Frou Berchta abermous zu ihrem Gabetisch mit de Heimeli. Und dasmou söusch du ihre dr Tisch decke, viellech dass dir die heiligi Frou wiiterhüuft.

D Sunne verschwindet i dr zwöufte Nacht. Do nimmt d Ellermuetter die blingi Magd a dr Hang, und si schtapfet mit ihre ufe a Houwääg. Dört, unger dr Birke, schlooht jetz die jungi s Tischli uf. Sie breitet wiisses Line drüber. Schtriecht s Tuech mit Sorgfaut glatt und rückt d Schüssali und Chrüeg zrächt. Us ihrne taschtende Häng chunnt dr Blinge s Büud vom Joohr vorhär ufe, wo sie bim Blick uf die Gabe i ewigi Nacht isch gheit. Us ihrne tote Ouge rinnale bitteri Träne uf das wiisse Line.

Do ghört si e Schtimm, wo se dicht über ihrne Ouge frogt;“ Dr Mond, är schiinet. Wär jammeret, wär grännet?“

„Ach“, klagt die Blingi, „ i ha d Frou Berchta mit Ouge wöue gseh, und das isch gäge ihres Gebot gse. I has nid wöue gloube und ha mis Ougeliecht verloore.“

Do seit d Frou Berchta, wüu sie isch säuber wieder choo mit ihrne Heimeli: „Das söu wouh woohr si. Vor eme Joohr, hani a dere Schtöu zwöi Ouge glöscht und drfür zwöi inneri Liechtli aazünted. So trääg jetz dopplets Gsicht, gang und vergiss s Beschte nid!“

Und während sie em Meitschi über die toote Ouge blooset, blüehit s Liecht i ihre uf mit au sine Schtärne. Und aues um sie ume isch, wie im Joohr vorhär. Dr Mond schiint ou. Dr Tisch isch unger dr glitzernde Birke isch zuebereitet, doch d Frou Berchta mit ihrne Heimeli isch scho lengscht über aui Hügle zoge. Vo wiitem wäihts nume no noche wie Gsang und lieblechs Saiteschpüu.

 

Märchen aus Deutschland

 

 


Dezember 2019

Mit grossen Schritten gehen wir auf Weihnachten zu.

Und welches Märchen passt besser zu Weihnachten, als "Der Tannenbaum" von Hans Christian Andersen.

Bei mir löste dieses Märchen den Wunsch aus, nur noch einen Baum im Topf in die Stube zu stellen....

Es ist euch überlassen, ob ihr es mir gleichtut, oder nicht.

So oder so wünsche ich euch ein märchenhaftes Eintauchen, eine besinnliche Adventszeit, wunderschöne Weihnachten und zu gegebener Zeit einen guten Rutsch!

Vielen Dank fürs Lesen und ich freue mich auf weitere märchenhafte Monate im 2020 mit euch!

 

 

Der Tannenbaum

 

 

Draußen im Wald stand ein so niedlicher Tannenbaum. Er hatte einen guten Platz, Sonne konnte er bekommen, von Luft gab es genug, und ringsherum wuchsen viele größere Kameraden, sowohl Tannen wie Fichten. Aber der kleine Tannenbaum war so erpicht auf das Wachsen, er dachte nicht an die warme Sonne und die frische Luft, er kümmerte sich nicht um die Bauernkinder, die herumgingen und plauderten, wenn sie draußen waren, um Erdbeeren oder Himbeeren zu sammeln; oft kamen sie mit einem ganzen Topf voll, oder sie hatten Erdbeeren auf Grashalme aufgezogen, dann setzten sie sich zu dem kleinen Baum und sagten: "Nein, wie ist er niedlich klein!" Das wollte der Baum gar nicht hören.

Im Jahr danach war er ein langes Ende höher und im Jahr danach wieder um ein noch viel längeres; denn bei einem Tannenbaum kann man immer nach der Zahl der Glieder, die er hat, sehen, wie viele Jahre er gewachsen ist.

"Oh, wäre ich doch solch ein großer Baum wie die andern!" seufzte der kleine Baum, "dann könnte ich meine Zweige so weit im Umkreis ausbreiten und mit dem Wipfel in die weite Welt hinaussehen! Die Vögel würden dann Nester zwischen meinen Zweigen bauen, und wenn der Wind wehte, könnte ich so vornehm nicken wie die andern dort!"

Er hatte gar kein Vergnügen am Sonnenschein, an den Vögeln oder an den roten Wolken, die morgens und abends darüber hinsegelten.

War es nun Winter und der Schnee ringsum lag funkelnd weiß, dann kam oft ein Hase gesprungen und setzte über den kleinen Baum hinweg, - oh, das war so ärgerlich! - Aber zwei Winter vergingen, und im dritten war der Baum so groß, daß der Hase um ihn herumgehen mußte. Oh, wachsen, wachsen, groß und alt werden, das war doch das einzig Schöne in dieser Welt, dachte der Baum.

Im Herbst kamen immer Holzhauer und fällten einige der größten Bäume; das geschah jedes Jahr, und der junge Tannenbaum, der nun ganz gut gewachsen war, zitterte dabei, denn die großen prächtigen Bäume fielen mit einem Knacken und Krachen zur Erde; die Äste wurden abgehauen, sie sahen ganz nackt, lang und schmal aus; sie waren beinahe nicht zu kennen, aber dann wurden sie auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie fort aus dem Wald.

Wo sollten sie hin? Was stand ihnen bevor?

Im Frühling, als die Schwalbe und der Storch kamen, fragte der Baum sie: "Wißt Ihr nicht, wo sie hingeführt wurden? Seid Ihr ihnen begegnet?"

Die Schwalben wußten nichts, aber der Storch sah nachdenklich aus, nickte mit dem Kopfe und sagte: "Ja, ich glaube wohl! Ich begegnete manchem neuen Schiff, als ich von Ägypten herflog; auf den Schiffen waren prächtige Mastbäume; ich darf sagen, daß sie es waren, sie rochen nach Tanne; ich kann vielmals grüßen, sie ragen auf, sie ragen!"

"Oh, wäre ich doch auch groß genug, um über das Meer hinzufliegen. Wie ist es eigentlich, dieses Meer, und wem gleicht es?"

"Ja, das ist zu weitläufig zu erklären!" sagte der Storch, und dann ging er.

"Freue dich an deiner Jugend!" sagten die Sonnenstrahlen, "freue dich an deinem frischen Wachstum, an dem jungen Leben, das in dir ist!"

Und der Wind küßte den Baum, und der Tau weinte Tränen auf ihn, aber das verstand der Tannenbaum nicht.

Wenn die Weihnachtszeit kam, dann wurden ganz junge Bäume gefällt, Bäume, die nicht einmal so groß oder in einem Alter mit diesem Tannenbaum waren, der weder Rast noch Ruhe fand, sondern immer fort wollte; diese jungen Bäume, und es waren gerade die allerschönsten, behielten immer ihre Zweige, sie wurden auf die Wagen gelegt, und Pferde zogen sie fort aus dem Wald.

"Wohin sollen sie?" fragte der Tannenbaum. "Sie sind nicht größer als ich, da war sogar einer, der viel kleiner war; weshalb behielten sie alle ihre Zweige? Wo fuhren sie hin?"

"Das wissen wir! Das wissen wir!" zwitscherten die Sperlinge. "Wir haben unten in der Stadt in die Fenster geguckt ! Wir wissen, wo sie hinfahren! Oh, sie kommen zu dem größten Glanz und der größten Herrlichkeit, die man denken kann! Wir haben bei den Fenstern hineingeguckt und gesehen, daß sie mitten in die warme Stube gepflanzt und mit den schönsten Dingen geputzt wurden, mit vergoldeten Äpfeln, Honigkuchen, Spielzeug und vielen hundert Lichtern!"

"Und dann - ?" fragte der Tannenbaum und zitterte an allen Zweigen. "Und dann? Was geschah dann?"

"Ja, mehr haben wir nicht gesehen! Das war unvergleichlich!"

"Wenn ich nun dazu geworden bin, um diesen strahlenden Weg zu gehen!"jubelte der Baum. "Das ist noch besser, als über das Meer zu fahren! Wie ich mich sehne! Wäre es doch Weihnachten! Nun bin ich hoch und breit wie die andern, die im letzten Jahr fortgefahren wurden! - Oh, wäre ich schon auf dem Wagen! Wäre ich doch in der warmen Stube mit all der Pracht und Herrlichkeit! Und dann -? Ja, dann kommt etwas noch Besseres, noch Schöneres, weshalb sollten sie mich sonst so schmücken! Da muß etwas noch Größeres, noch Herrlicheres kommen -! Aber was ? Oh, ich leide! Ich sehne mich! Ich weiß selbst nicht, was mit mir ist!"

"Freue dich mit mir!" sagten die Luft und das Sonnenlicht; "freue dich an deiner frischen Jugend draußen im Freien!"

Aber er freute sich gar nicht; er wuchs und wuchs, Winter und Sommer stand er grün, dunkelgrün stand er; die Leute, die ihn sahen, sagten: "Das ist ein schöner Baum!" Und zur Weihnachtszeit wurde er als erster von allen gefällt. Die Axt traf tief hinein durch das Mark, der Baum fiel mit einem Seufzer hin zur Erde, er fühlte einen Schmerz, eine Ohnmacht, er konnte gar nicht an irgendein Glück denken; er war betrübt, sich von der Heimat zu trennen, von dem Fleck, wo er aufgewachsen war. Er wußte ja, daß er nie mehr die lieben alten Kameraden sehen würde, die kleinen Büsche und Blumen ringsum, ja, vielleicht nicht einmal die Vögel. Die Abreise war gar nicht behaglich.

Der Baum kam erst zu sich, als er im Hof, mit den andern Bäumen abgepackt, einen Mann sagen hörte: "Der ist prächtig! Wir brauchen keinen anderen!"

Nun kamen zwei Diener in vollem Staat und trugen den Tannenbaum in einen großen schönen Saal hinein. Ringsum an den Wänden hingen Porträts und auf dem großen Kachelofen standen große chinesische Vasen mit Löwen auf den Deckeln; da waren Schaukelstühle, Seidensofas, große Tische voll von Bilderbüchern und mit Spielzeug für hundert mal hundert Reichstaler - wenigstens sagten die Kinder das. Und der Tannenbaum wurde in ein großes Faß voll Sand gestellt, aber niemand konnte sehen, daß es ein Faß war, denn es wurde rundherum mit grünem Zeug behängt und es stand auf einem großen bunten Teppich. Oh, wie der Baum bebte! Was würde noch geschehen? Sowohl Diener wie Fräuleins gingen und schmückten ihn. Auf die Zweige hängten sie kleine Netze, ausgeschnitten aus buntem Papier, jedes Netz war mit Zuckerzeug gefüllt; vergoldete Äpfel und Walnüsse hingen, als wären sie festgewachsen, und über hundert rote, blaue und weiße Lichtchen wurden an den Zweigen festgesteckt. Puppen, die leibhaftig wie Menschen aussahen - der Baum hatte so etwas nie zuvor gesehen -, schwebten in dem Grünen, und ganz zuoberst in den Wipfel wurde ein großer Stern aus Flittergold gesetzt; das war prächtig, unvergleichlich prächtig.

"Heute abend," sagten sie alle, "heute abend soll er strahlen!"

"Oh!" dachte der Baum, "wäre es doch Abend! wären nur die Lichter bald angezündet! Oh, was wohl dann geschieht? Ob dann die Bäume aus dem Walde kommen und mich ansehen? Ob die Sperlinge gegen die Scheiben fliegen? Ob ich hier festwachse und Winter und Sommer geschmückt stehe?"

Ja, der wußte gut Bescheid; aber er hatte nun ordentlich Rindenweh vor Sehnsucht, und Rindenweh ist ebenso schlimm für einen Baum, wie Kopfweh für uns andere!

Nun wurden die Lichte angezündet. Welcher Glanz, welche Pracht! Der Baum zitterte an allen Zweigen dabei, so daß eines der Lichte das Grüne ansteckte; er schwitzte ordentlich.

"Gott bewahre uns!" schrien die Fräuleins und löschten das Feuer schnell.

Nun durfte der Baum nicht einmal beben. Oh, das war ein Grauen! Er war so bange davor, etwas von all seinem Staat zu verlieren; er war ganz verwirrt von all dem Glanz -und nun gingen beide Flügeltüren auf und eine Menge Kinder stürzte herein, als wollten sie den ganzen Baum umreißen; die älteren Leute kamen besinnlich hinterher. Die Kleinen standen ganz still, aber nur einen Augenblick, dann jubelten sie wieder, so daß es hallte; sie tanzten rund um den Baum, und ein Geschenk nach dem andern wurde abgepflückt.

"Was tun sie nur?" dachte der Baum. "Was soll da geschehen?" Und die Lichte brannten bis auf die Zweige herab, und nachdem sie herabgebrannt waren, löschte man sie aus, und dann erhielten die Kinder Erlaubnis, den Baum zu plündern. Oh, sie stürzten auf ihn ein, so daß es in allen Ästen knackte; wäre er nicht mit der Spitze und dem Goldstern an der Decke festgebunden gewesen, so wäre er umgestürzt.

Die Kinder tanzten herum mit ihrem prächtigen Spielzeug, keiner sah den Baum an, außer dem alten Kindermädchen, das hinging und zwischen die Zweige guckte, aber das war nur, um zu sehen, ob nicht noch eine Feige oder ein Apfel vergessen war.

"Eine Geschichte! Eine Geschichte!" riefen die Kinder und zogen einen kleinen dicken Mann zum Baum hin, und er setzte sich grade darunter. "Denn dann sind wir im Grünen!" sagte er, "und dem Baum kann es noch besonders gut tun mit zuzuhören; aber ich erzähle nur eine Geschichte. Wollt Ihr von Ivede-Avede hören oder von Klumpe-Dumpe, der die Treppen herabfiel und doch auf den Hochsitz kam und die Prinzessin kriegte?"

"Ivede-Avede!" schrien einige, und "Klumpe-Dumpe!" schrien andere. Es war ein Rufen und Schreien, nur der Tannenbaum schwieg ganz stille und dachte: "Soll ich gar nicht dabei sein, gar nichts tun?" Er war ja dabei gewesen, hatte getan, was er tun sollte.

Und der Mann erzählte von "Klumpe-Dumpe", der die Treppen herabfiel und doch in den Hochsitz kam und die Prinzessin erhielt. Und die Kinder klatschten in die Hände und riefen: "Erzähle! Erzähle!" Sie wollten auch "Ivede-Avede" haben, aber sie bekamen nur "Klumpe-Dumpe" zu hören. Der Tannenbaum stand ganz still und gedankenvoll, niemals hatten die Vögel draußen im Wald so etwas erzählt. "Klumpe-Dumpe fiel die Treppen hinab und bekam doch die Prinzessin! Ja, ja! So geht es zu in der Welt!" dachte der Tannenbaum und glaubte, daß es wahr sei, weil es ein so netter Mann war, der erzählte. "Ja! ja! Wer kann wissen! Vielleicht falle ich auch die Treppen hinab und bekomme eine Prinzessin!" Und er freute sich auf den nächsten Tag, daß er wieder mit Eichten und Spielzeug, Gold und Früchten geschmückt werden solle.

"Morgen werde ich nicht zittern!" dachte er. "Ich will mich recht all meiner Herrlichkeit erfreuen. Morgen werde ich wieder die Geschichte von 'Klumpe-Dumpe' und vielleicht die von 'Ivede-Avede' hören." Und der Baum stand still und gedankenvoll die ganze Nacht.

Am Morgen kamen Burschen und Mädchen herein.

"Nun beginnt der Staat wieder!" dachte der Baum, aber sie schleppten ihn aus der Stube, die Treppen hinauf auf den Speicher und dort, in einer dunklen Ecke, wohin kein Tag schien, stellten sie ihn hin. "Was soll das bedeuten?" dachte der Baum. "Was habe ich wohl hier zu tun? Was werde ich wohl zu hören bekommen?" Und er lehnte sich gegen die Mauer und stand und dachte und dachte. - - Und gut Zeit hatte er, denn Tage und Nächte vergingen; keiner kam herauf, und als endlich jemand kam, war es, um einige große Kasten in die Ecke hinzustellen; der Baum stand ganz verborgen, man hätte glauben können, daß er rein vergessen war.

"Nun ist es Winter draußen!" dachte der Baum. "Die Erde ist hart und mit Schnee bedeckt. Die Menschen können mich nicht einpflanzen; deshalb soll ich wohl hier im Schutz stehen bis zum Frühling! Wie ist das wohlbedacht! Wie sind die Menschen doch gut! - Wäre es hier nur nicht so dunkel und so schrecklich einsam! - Nicht einmal ein kleiner Hase! - Das war doch so hübsch draußen im Wald, wenn der Schnee lag und der Hase vorbeisprang; ja selbst, als er über mich hinwegsprang, aber das mochte ich damals nicht. Hier oben ist es doch schrecklich einsam."

"Pi! Pi!" sagte eine kleine Maus in diesem Augenblick und schlüpfte hervor; und dann kam noch eine kleine. Sie schnüffelten am Tannenbaum und glitten zwischen den Zweigen auf ihm herum.

"Es ist eine grausame Kälte!" sagte die kleine Maus. "Sonst ist es hier herrlich zu sein! Nicht wahr, du alter Tannenbaum?"

"Ich bin gar nicht alt!" sagte der Tannenbaum, "es gibt viele, die viel älter sind als ich!"

"Wo kommst du her?" fragten die Mäuse, "und was weißt du?" Sie waren so schrecklich neugierig. "Erzähl' uns doch von dem schönsten Ort der Welt! Bist du dort gewesen? Warst du in der Speisekammer, wo Käse auf den Brettern liegen und Schinken unter der Decke hängen, wo man auf Talglichten tanzt und mager hineinkommt und fett herausgeht?"

"Das kenne ich nicht!" sagte der Baum, "aber den Wald kenne ich, wo die Sonne scheint und wo die Vögel singen!" Und dann erzählte er alles von seiner Jugend, und die kleinen Mäuse hatten nie zuvor so etwas gehört, und sie hörten zu und sagten: "Nein, wie viel hast du gesehen! Wie glücklich warst du!"

"Ich!" sagte der Tannenbaum und dachte über das, was er selbst erzählte: "Ja, es waren im Grunde ganz angenehme Zeiten!" - aber dann erzählte er vom Weihnachtsabend, als er mit Kuchen und Lichten geschmückt worden war.

"Oh!" sagten die kleinen Mäuse, "wie bist du glücklich gewesen, du alter Tannenbaum!"

"Ich bin gar nicht alt!" sagte der Baum, "es war ja in diesem Winter, daß ich aus dem Wald gekommen bin! Ich bin in meinem allerbesten Alter, ich bin nur im Wachstum voraus!"

"Wie du schön erzählst!" sagten die kleinen Mäuse, und nächste Nacht kamen sie mit vier anderen kleinen Mäusen, die den Baum erzählen hören sollten, und je mehr er erzählte, desto deutlicher erinnerte er sich selbst und dachte: "Es waren doch ganz vergnügte Zeiten! Aber sie können noch kommen! Sie können kommen! Klumpe-Dumpe fiel die Treppen hinab und bekam doch die Prinzessin, vielleicht kann ich auch eine Prinzessin bekommen!" Und dann dachte der Tannenbaum an solch einen niedlichen Birkenbaum, der draußen im Walde wuchs, der war für den Tannenbaum eine wirkliche schöne Prinzessin.

"Wer ist Klumpe-Dumpe?" fragten die kleinen Mäuse. Und da erzählte der Tannenbaum das ganze Märchen, er konnte sich jedes einzelnen Wortes erinnern; und die kleinen Mäuse waren bereit, auf die Spitze des Baumes zu springen vor lauter Vergnügen! Nächste Nacht kamen viel mehr Mäuse, und am Sonntag kamen auch zwei Ratten; aber sie sagten, daß die Geschichte nicht amüsant sei, und das betrübte die kleinen Mäuse, denn nun gefiel sie ihnen auch weniger.

"Können Sie nur die eine Geschichte?" fragten die Ratten.

"Nur die eine!" antwortete der Baum, "die hörte ich an meinem glücklichsten Abend, aber damals dachte ich gar nicht, wie glücklich ich war!"

"Das ist eine über die Maßen jämmerliche Geschichte! Kennen Sie keine mit Speck und Talglichten? Keine Speisekammergeschichten?" "Nein!" sagte der Baum.

"Ja, nun wollen wir Ihnen danken!" sagten die Ratten und gingen hinweg zu den Ihren.

Die kleinen Mäuse blieben zuletzt auch fort, und dann seufzte der Baum: "Das war doch ganz hübsch, als sie um mich herumsaßen, die zappligen Mäuschen, und hörten, was ich erzählte! Nun ist das auch vorbei! - Aber ich werde daran denken, mich zu freuen, wenn ich nun wieder hervorgeholt werde!"

Aber wann geschah das? - Ja doch! es war an einem Morgen, da kamen Leute und räumten auf dem Speicher auf. Die Kasten wurden weggehoben, der Baum hervorgezogen; sie warfen ihn freilich etwas hart auf den Boden, aber gleich schleppte ein Bursche ihn zur Treppe hin, wo der Tag schien.

"Nun beginnt wieder das Leben!" dachte der Baum; er fühlte die frische Luft, die ersten Sonnenstrahlen, - und nun war er draußen im Hof. Alles ging so schnell, der Baum vergaß ganz, sich selbst anzusehen, so viel war ringsum zu sehen. Der Hof stieß an einen Garten, und alles blühte darin; Rosen hingen da so frisch und duftend über das kleine Gitterwerk hinaus, und die Schwalben flogen umher und sagten: "Quirre-wirre-witt, mein Mann ist da!" Aber es war nicht der Tannenbaum, den sie meinten.

"Nun werde ich leben!" jubelte er und breitete seine Zweige weit aus; ach, sie waren alle vertrocknet und gelb; er war in der Ecke zwischen Unkraut und Nesseln, da lag er, der Goldpapierstern saß noch oben an der Spitze und schimmerte im hellsten Sonnenschein.

Im Hof spielten ein paar der lustigen Kinder, die zur Weihnachtszeit um den Baum getanzt hatten und über ihn so froh gewesen waren. Eines der Kleinsten eilte hin und riß den Goldstern ab.

"Seht, was da noch auf dem häßlichen alten Weihnachtsbaum sitzt!" sagte es und trampelte auf den Zweigen, so daß sie unter seinen Stiefeln knackten.

Und der Baum sah auf all die Blumenpracht und Frische im Garten, er sah sich selbst an, und er wünschte, daß er in seiner dunklen Ecke auf dem Speicher geblieben wäre; er dachte an seine frische Jugend im Wald, an den lustigen Weihnachtsabend und an die kleinen Mäuse, die so froh die Geschichte von Klumpe-Dumpe gehört hatten.

"Vorbei! Vorbei!" sagte der arme Baum. "Hätte ich mich doch gefreut, da ich es konnte! Vorbei! Vorbei!"

Und der Hausknecht kam und hackte den Baum in kleine Stücke, ein ganzer Bund lag da; prächtig flammte das auf unter dem großen Braukessel; und es seufzte so tief; jeder Seufzer war wie ein kleiner Schuß; deshalb liefen die Kinder, die spielten, herein und setzten sich vor das Feuer, sahen es an und riefen: "Piff! Paff!" aber bei jedem Knall, der ein tiefer Seufzer war, dachte der Baum an einen Sommertag im Wald, an eine Winternacht draußen, wenn die Sterne leuchteten; er dachte an den Weihnachtsabend und Klumpe-Dumpe, das einzige Märchen, das er gehört hatte und zu erzählen wußte - und dann war der Baum ausgebrannt.

Die Jungen spielten im Hof, und der Kleinste hatte den Goldstern auf der Brust, den der Baum an seinem glücklichsten Abend getragen hatte. Nun war der vorbei, und der Baum war vorbei und die Geschichte auch! Vorbei, vorbei, und so geht es mit allen Geschichten!

 

Hans Christian Andersen

 


November 2019

Am 1. Solothurner Märchentag durfte ich von meinen "Herzstücken" erzählen. Schön wars!

Und meine Herzstücke begleiten mich durch den ganzen November.

Am 17. dieses Monats (siehe Veranstaltungen) erzähle ich noch viel mehr "Herzstücke".

Um euch etwas "gwungerig" zu machen ist mein Märchen des Monats auch eines meiner grossen "Herzstücke".

Welches es zwar nicht ins Programm geschafft hat, mir aber als Kind immer wieder mein Herz berührt hat.

 

 

Die zertanzten Schuhe

  

 

Es war einmal ein König, der hatte zwölf Töchter, eine immer schöner als die andere.

Sie schliefen zusammen in einem Saal, wo ihre Betten nebeneinander standen, und abends wenn sie darin lagen, schloß der König die Tür zu und verriegelte sie.

Wenn er aber am Morgen die Türe aufschloß, so sah er, daß ihre Schuhe zertanzt waren, und niemand konnte herausbringen, wie das zugegangen war.

Da ließ der König ausrufen, wers könnte ausfindig machen, wo sie in der Nacht tanzten, der sollte sich eine davon zur Frau wählen und nach seinem Tod König sein: wer sich aber meldete und es nach drei Tagen und Nächten nicht herausbrächte, der hätte sein Leben verwirkt.

Nicht lange, so meldete sich ein Königssohn und erbot sich, das Wagnis zu unternehmen.

Er ward wohl aufgenommen und abends in ein Zimmer geführt, das an den Schlafsaal stieß.

Sein Bett war da aufgeschlagen, und er sollte acht haben, wo sie hingingen und tanzten; und damit sie nichts heimlich treiben konnten oder zu einem andern Ort hinausgingen, war auch die Saaltüre offen gelassen.

Dem Königssohn fiels aber wie Blei auf die Augen und er schlief ein, und als er am Morgen aufwachte, waren alle zwölfe zum Tanz gewesen, denn ihre Schuhe standen da und hatten Löcher in den Sohlen.

Den zweiten und dritten Abend gings nicht anders, und da ward ihm sein Haupt ohne Barmherzigkeit abgeschlagen.

Es kamen hernach noch viele und meldeten sich zu dem Wagestück, sie mußten aber alle ihr Leben lassen.

Nun trug sichs zu, daß ein armer Soldat, der eine Wunde hatte und nicht mehr dienen konnte, sich auf dem Weg nach der Stadt befand, wo der König wohnte.

Da begegnete ihm eine alte Frau, die fragte ihn, wo er hin wollte.

'Ich weiß selber nicht recht,' sprach er, und setzte im Scherz hinzu 'ich hätte wohl Lust, ausfindig zu machen, wo die Königstöchter ihre Schuhe vertanzen, und danach König zu werden.'

'Das ist so schwer nicht,' sagte die Alte, 'du mußt den Wein nicht trinken, der dir abends gebracht wird, und mußt tun, als wärst du fest eingeschlafen.' Darauf gab sie ihm ein Mäntelchen und sprach 'wenn du das umhängst, so bist du unsichtbar und kannst den zwölfen dann nachschleichen.'

Wie der Soldat den guten Rat bekommen hatte, wards Ernst bei ihm, so daß er ein Herz faßte, vor den König ging und sich als Freier meldete.

Er ward so gut aufgenommen wie die andern auch, und wurden ihm königliche Kleider angetan.

Abends zur Schlafenszeit ward er in das Vorzimmer geführt, und als er zu Bette gehen wollte, kam die älteste und brachte ihm einen Becher Wein: aber er hatte sich einen Schwamm unter das Kinn gebunden, ließ den Wein da hineinlaufen, und trank keinen Tropfen.

Dann legte er sich nieder, und als er ein Weilchen gelegen hatte, fing er an zu schnarchen wie im tiefsten Schlaf.

Das hörten die zwölf Königstöchter, lachten, und die älteste sprach 'der hätte auch sein Leben sparen können.'

Danach standen sie auf, öffneten Schränke, Kisten und Kasten, und holten prächtige Kleider heraus: putzten sich vor den Spiegeln, sprangen herum und freuten sich auf den Tanz.

Nur die jüngste sagte 'ich weiß nicht, ihr freut euch, aber mir ist so wunderlich zumut: gewiß widerfährt uns ein Unglück.'

'Du bist eine Schneegans,' sagte die älteste, 'die sich immer fürchtet. Hast du vergessen, wie viel Königssöhne schon umsonst dagewesen sind? Dem Soldaten hätt ich nicht einmal brauchen einen Schlaftrunk zu geben, der Lümmel wäre doch nicht aufgewacht.'

Wie sie alle fertig waren, sahen sie erst nach dem Soldaten, aber der hatte die Augen zugetan, rührte und regte sich nicht, und sie glaubten nun ganz sicher zu sein.

Da ging die äIteste an ihr Bett und klopfte daran: alsbald sank es in die Erde, und sie stiegen durch die Öffnung hinab, eine nach der andern' die älteste voran.

Der Soldat, der alles mit angesehen hatte, zauderte nicht lange, hing sein Mäntelchen um und stieg hinter der jüngsten mit hinab.

Mitten auf der Treppe trat er ihr ein wenig aufs Kleid, da erschrak sie und rief 'was ist das? Wer hält mich am Kleid?'

'Sei nicht so einfältig,' sagte die älteste, 'du bist an einem Haken hängen geblieben.'

Da gingen sie vollends hinab, und wie sie unten waren, standen sie in einem wunder prächtigen Baumgang, da waren alle Blätter von Silber und schimmerten und glänzten.

Der Soldat dachte 'du willst dir ein Wahrzeichen mitnehmen,' und brach einen Zweig davon ab: da fuhr ein gewaltiger Krach aus dem Baume.

Die jüngste rief wieder 'es ist nicht richtig, habt ihr den Knall gehört?'

Die älteste aber sprach 'das sind Freudenschüsse, weil wir unsere Prinzen bald erlöst haben.'

Sie kamen darauf in einem Baumgang, wo alle Blätter von Gold, und endlich in einen dritten, wo sie klarer Demant waren: von beiden brach er einen Zweig ab, wobei es jedesmal krachte, daß die jüngste vor Schrecken zusammenfuhr: aber die älteste blieb dabei, es wären Freudenschüsse.

Sie gingen weiter und kamen zu einem großen Wasser, darauf standen zwölf Schifflein, und in jedem Schifflein saß ein schöner Prinz, die hatten auf die zwölfe gewartet, und jeder nahm eine zu sich, der Soldat aber setzte sich mit der jüngsten ein.

Da sprach der Prinz 'ich weiß nicht. das Schiff ist heute viel schwerer, und ich muß aus allen Kräften rudern, wenn ich es fortbringen soll.'

'Wovon sollte das kommen,' sprach die jüngste, 'als vom warmen Wetter, es ist mir auch so heiß zumut.'

Jenseits des Wassers aber stand ein schönes hell erleuchtetes Schloß, woraus eine lustige Musik erschallte von Pauken und Trompeten.

Sie ruderten hinüber, traten ein, und jeder Prinz tanzte mit seiner Liebsten; der Soldat aber tanzte unsichtbar mit, und wenn eine einen Becher mit Wein hielt, so trank er ihn aus, daß er leer war, wenn sie ihn an den Mund brachte; und der jüngsten ward auch angst darüber, aber die älteste brachte sie immer zum Schweigen.

Sie tanzten da bis drei Uhr am andern Morgen, wo alle Schuhe durchgetanzt waren und sie aufhören mußten. Die Prinzen fuhren sie über das Wasser wieder zurück, und der Soldat setzte sich diesmal vorne hin zur ältesten. Am Ufer nahmen sie von ihren Prinzen Abschied und versprachen, in der folgenden Nacht wiederzukommen.

Als sie an der Treppe waren, lief der Soldat voraus und legte sich in sein Bett, und als die zwölf langsam und müde herauf getrippelt kamen, schnarchte er schon wieder so laut, daß sies alle hören konnten, und sie sprachen 'vor dem sind wir sicher.'

Da taten sie ihre schönen Kleider aus, brachten sie weg, stellten die zertanzten Schuhe unter das Bett und legten sich nieder.

Am andern Morgen wollte der Soldat nichts sagen, sondern das wunderliche Wesen noch mit ansehen, und ging die zweite und die dritte Nacht wieder mit. Da war alles wie das erste mal, und sie tanzten jedesmal, bis die Schuhe entzwei waren.

Das dritte mal aber nahm er zum Wahrzeichen einen Becher mit.

Als die Stunde gekommen war, wo er antworten sollte, steckte er die drei Zweige und den Becher zu sich und ging vor den König, die zwölfe aber standen hinter der Türe und horchten, was er sagen würde.

Als der König die Frage tat 'wo haben meine zwölf Töchter ihre Schuhe in der Nacht vertanzt?' so antwortete er 'mit zwölf Prinzen in einem unterirdischen Schloß,' berichtete, wie es zugegangen war, und holte die Wahrzeichen hervor.

Da ließ der König seine Töchter kommen und fragte sie, ob der Soldat die Wahrheit gesagt hätte, und da sie sahen, daß sie verraten waren und leugnen nichts half, so mußten sie alles eingestehen.

Darauf fragte ihn der König, welche er zur Frau haben wollte. Er antwortete 'ich bin nicht mehr jung, so gebt mir die älteste.'

Da ward noch am selbigen Tage die Hochzeit gehalten und ihm das Reich nach des Königs Tode versprochen.

Aber die Prinzen wurden auf so viel Tage wieder verwünscht, als sie Nächte mit den zwölfen getanzt hatten.

 

Märchen der Gebrüder Grimm

 


 

Oktober 2019

 

Mit grossen Schritten gehen wir auf Samhain/Halloween zu.

Zeit, für die Fülle über die warmen Monate zu danken, zurückzuschauen und inne zuhalten.

Dankbar sein für das was war und wer bei uns war.

Ein rauschendes Fest, das wir mit unseren Liebsten begehen (können).

Wohlwollend und freudig an die denken, die nicht mehr unter uns sind.

Es ist eine Zeit, in der wir an unsere eigene Sterblichkeit erinnert werden.

Genau die Sterblichkeit, vor der sich so viele fürchten....

Unsere Gesellschaft versteckt sich hinter jeder Menge Arbeit/Verpflichtungen und lenkt sich gerne mit einem lauten und extrovertierten Leben von den eigenen Gedanken ab. Das schlimme dabei ist, dass wir unser Leben teilnahmslos und ungelebt an uns vorbeiziehen lassen.

Doch allzu oft vergessen wir, dass wir hier nicht lebend herauskommen. Wie man so schön sagt.

Und um es mit den Worten von Sido im Song "Leben vor dem Tod" noch etwas genauer zu definieren;

"Irgendwann ist es zu spät und dann fehlt dir die Zeit

Denn der Zeiger bleibt nicht stehen, alles geht mal vorbei, lass uns leben"

 

 

Abwarten und Tee trinken (oder spinnen) ist nicht immer die beste Idee, wie mein Märchen des Monats zeigt...

 

Der seltsame Besucher

 

Eine Frau sass an ihrer Haspel bei Nacht, 

sass am Feuer und wand und wand das Garn;

und die Zeit war so lang, und sie wünschte sich sehr:

"Ach, käm` mich doch einer besuchen!"

Da kamen zwei Füsse zur Tür herein, gross waren die und breit, 

und sie blieben beim Feuer stehn.

 

Und die Frau wand das Garn, und die Zeit war so lang:

 

"Ach, käm` mich doch einer besuchen!"

Da kamen zwei Beine zur Tür herein, klein waren die und mager, und sie stellten sich auf die breiten Füsse.

 

Und die Frau wand das Garn, und die Zeit war so lang:

 

"Ach, käm` mich doch einer besuchen!"

Da kamen zwei Knie zur Tür herein, gross waren die und breit,

und sie sprangen auf die mageren Beine.

Und die Frau wand das Garn, und die Zeit war so lang:

 

"Ach, käm` mich doch einer besuchen!"

 

Da kamen zwei Schenkel zur Tür herein, klein waren die und mager, und sie sprangen auf die grossen Knie.

Und die Frau wand das Garn, und die Zeit war so lang:

  

"Ach, käm` mich doch einer besuchen!"

Da kamen zwei Hüften zur Tür herein, gross waren die und breit, und sie sprangen auf die mageren Schenkel.

Und die Frau wand das Garn, und die Zeit war so lang:

  

"Ach, käm` mich doch einer besuchen!"

Da hüpfte ein Rumpf zur Tür herein, klein war der und mager,

und der sprang auf die grossen Hüften hinauf.

Und die Frau wand das Garn, und die Zeit war so lang:

 

"Ach, käm` mich doch einer besuchen!"

Da kamen zwei Schultern zur Tür herein, gross waren die und breit,

und sie sprangen auf den mageren Rumpf.

Und die Frau wand das Garn, und die Zeit war so lang:

 

"Ach, käm` mich doch einer besuchen!"

Da kamen zwei Arme zur Tür herein, klein waren die und mager, und sie hängten sich an die breiten Schultern.

Und die Frau wand das Garn, und die Zeit war so lang:

 

"Ach, käm` mich doch einer besuchen!"

Da kamen zwei Hände zur Tür herein, gross waren die und breit, und sie hängten sich an die mageren Arme.

Und die Frau wand das Garn, und die Zeit war so lang:

 

"Ach, käm` mich doch einer besuchen!"

Da kam ein Hals zur Tür herein, klein war der und mager, und er sprang auf die breiten Schultern hinauf.

Und die Frau wand das Garn, und die Zeit war so lang:

 

"Ach, käm` mich doch einer besuchen!"

Da kam ein Kopf zur Tür herein, riesig war der und kahl, und er sprang auf den mageren Hals hinauf.

Und die Frau wand das Garn, und die Zeit war so lang:

 

"Ach, käm` mich doch einer besuchen!"

"Was sind deine Füsse so gross und breit?" fragte die Frau den Besucher.

"Bin zu lange und zu weit gegangen!"

"Was sind deine Beine so mager und klein?"

"Oh weh, hab so wenig Friedhofserde!"

"Was sind deine Knie so gross und breit?"

"Hab zu viel und zu lange gebetet!"

"Was sind deine Schenkel so mager und klein?"

"Oh weh, hab so wenig Friedhofserde!"

"Was sind deine Hüften so gross und breit?"

"Hab zu viel und zu lange gesessen!"

"Was ist dein Rumpf so mager und klein?"

"Oh weh, hab so wenig Friedhofserde!"

"Was sind deine Schultern so gross und breit?"

"Hab zu viel und zu lange getragen!"

"Was sind deine Arme so mager und klein?"

"Oh weh, hab so wenig Friedhofserde!"

"Was sind deine Hände so gross und breit?"

" Hab zu viel und zu lange gedroschen!"

"Was ist dein Hals so mager und klein?"

"Oh weh, hab so wenig Friedhofserde!"

"Was ist dein Kopf so riesig und kahl?"

"Hab zu viel und zu lange gegrübelt!"

"Und was suchst du hier mitten in der Nacht?"

"Dich, dich komm ich holen!"

 

Heinrich Dickerhoff / Keltische Märchen / Königsfurth - Urania


 

September 2019

 

Zum ersten Mal in der Geschichte des Monatsmärchens, ist es ein Schweizer Märchen, welches den Weg in mein Herz gefunden hat.

Es stammt aus dem Tessin, und passt tiptop zu meiner Bergsehnsucht, die ich die nächsten Tage stillen werde.

Wer weiss, welches Märchen mich in der Einsamkeit der Berge finden wird.....

Der Oktober wird es zeigen.....

 

Das Adlermädchen

 

An einem warmen Julitag stieg eine Witfrau auf den Berg hinauf, um zu heuen.

Sie trug in ihrem grossen Korb, den sie auf den Rücken gebunden hatte, auch ihr zweijähriges Kind.

Das war ein herziges und wunderliebliches Mädchen. 

Während die Mutter emsig mit Heuen beschäftigt war, hüpfte das Kind bald da-, bald dorthin, um Alpenblümlein zu pflücken.

Auf einmal kam ein mächtiger Adler, gleich einem fallenden Stern, auf das Kind herabgeschossen, packte die Kleine mit seinen scharfen Krallen und trug sie davon in sein Nest.

Denkt euch den Schrecken, die Verzweiflung und das Weinen der unglücklichen Mutter! 

Aber wie sonderbar, das Kind hatte keine Angst vor dem schrecklichen Raubvogel.

Es schmiegte sich zufrieden an seinen Hals, lachte und spielte mit seinen Federn.

Der Adler, besiegt von den unschuldigen und anmutigen Liebkosungen der Kleinen, fasste Zuneigung zu ihr und beschloss, sie als Tochter an Kindes statt anzunehmen.

Er brachte ihr Früchte und wilden Honig zu essen und zeigte ihr, wie man auf den abschüssigen Felsen der Berge herumklettern konnte und wie sie sich festklammern musste, um nicht hinunterzustürzen.

Eines schönen Tages begann der Adler für sein Pflegekind in die Dörfer tief unten im Tal oder in die Ebene hinunterzufliegen, um allerhand Wäsche und Kleidchen der Bauernmädchen zu rauben, die diese zum Trocknen in die Sonne gehängt hatten.

Dann, als das Kind immer grösser wurde, wollte er, dass es Kleider aus Samt und Seide anzöge.

Deshalb flog er in die Schlösser und Paläste der Königinnen und Prinzessinnen, raubte dort die wundervollen Kleider und trug sie von dannen auf die unzulänglichen Höhen seiner Felshöhle.

Eine Königin, der eine Menge Kleider und Schmucksachen auf diese Weise weggekommen waren, bat schliesslich ihren Sohn, jenen schrecklichen Raubvogel zu erjagen.

Der Prinz wollte zuerst seiner Mutter nicht gehorchen.

Dann aber fragte er sich, neugierig geworden, wieso wohl ein Vogel dazu komme, Kleider und Juwelen zu stehlen, und er beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen.

Monat um Monat streifte er im Gebirge umher, ohne den Raubvogel zu finden.

Schon hatte er wieder den Entschluss gefasst, sein kühnes Unternehmen aufzugeben, als er plötzlich, an einem schönen Tag im Mai eine süsse Mädchenstimme hörte, die hoch über ihm sang.

Sogleich kletterte er am Felsen empor und fand die junge Sängerin ganz vergnüglich im grossen Nest des Adlers sitzen.

Wie überirdisch schön sie war!

Der Jüngling machte sich bemerkbar, und sogleich fassten die beiden Vertrauen zueinander.

Das Mädchen berichtete dem Prinzen die wundersame Geschichte von seiner Entführung und dem Leben in der Bergeinsamkeit.

Der Prinz aber wünschte sich nichts mehr, als dass es in sein Schloss komme und seine Gemahlin werde.

Das Mädchen war damit einverstanden.

Sie stiegen zusammen ins Tal und gelangten endlich zur Königsburg.

Dort stellte der Prinz das wunderschöne Mädchen dem Vater vor und erzählte ihm, wie sie sich gefunden hatten.

Der König hiess die junge Frau mit einem Kuss willkommen.

Er nannte sie Aquila oder Adlermädchen.

Dann gab er seine Einwilligung zur Verlobung und liess alle Vorbereitungen für eine glanzvolle Hochzeit treffen.

Die alte Königin jedoch konnte sich nicht damit abfinden, dass ihr Sohn eine solch abenteuerliche Vermählung eingehen und ein wildfremdes Mädchen ohne Rang und Namen zur Frau nehmen sollte.

Sie befahl daher zwei Dienern, die Braut in den Fluss zu werfen. 

Diese gehorchten ihr.

Der Adler jedoch hörte das verzweifelte Schreien des armen Mädchens, das im Begriff war, von den reissenden Wassern verschluckt zu werden.

Schnell wie ein Pfeil flog er herbei und brachte die Ertrinkende ans Ufer.

Darauf kehrte Aquila in das Schloss zurück.

Am folgenden Tag heiratete der schöne Prinz seine liebliche Braut.

Um die grausame Königin zu bestrafen, zog sich der König von der Regierung zurück und überliess den Thron seinem Sohne.

Die grausame Königin musste ihre Krone an ihre Schwiegertochter abgeben.

Nun war Aquila die neue Königin, und ihr Mann und sie regierten das Land mit der Weitsicht des Adlers und dem Verstand des Menschen.

 

Eva-Maria Wilhelm / Alpenmärchen / Faro Verlag

 


August 2019

 

Tja.....die Geschichtenhüterin und saisonale Märchen....

Irgendwie berührt mich immer "unsaisonales".... und zum ersten Mal gibt es eine "Sage des Monats".

Das kommt davon, wenn Frau in einer Münchner Buchhandlung herumstöbert und zwei Sagenbücher aus Bayern findet

(Ja, zwei! Eventuell bleibt es nicht nur bei dieser einen Sage in dieser Sparte...)

Und ausserdem stammt diese Sage aus einer sehr schönen Gegend, dem Starnberger See

(bei meiner Durchreise zwar eine sehr verregnete Gegend, doch einiges schöne konnte man erahnen...)

Rückkehr dahin nicht ausgeschlossen.

 

 

Erklären will ich am Anfang noch, wer die Panduren waren...

Im Jahre 1743 waren die Österreicher in Bayern eingefallen. Die Ansprüche auf den österreichischen Thron durch bayrische, spanische und sächsische Thronanwärter hatten den Österreichischen Erbfolgekrieg ausgelöst. Den Österreichern zur Seite kämpften mitleidlos und grausam die aus Ungarn stammenden Panduren, ein gefürchteter Reiterhaufen. Es kam zu vielen grausamen Gefechten zwischen diesen marodierenden Soldaten und bayrischen Truppenteilen.

 

 

Panduren im Starnberger See

 

In einer üblen Zeit trieb sich eine Schwadron zügelloser Panduren in der Gegend von Ambach herum, plünderte und brandschatzte erbarmungslos in den schutzlosen Gehöften am Ostufer des Starnberger Sees.

Die Soldaten suchten auch den Ambacher Fischer heim, es war am Ende des Winters 1748, aber der See war noch gefroren.

Am gegenüberliegenden Ufer lag das Kloster Bernried, und den ungarischen Reitern stand die Gier nach den dort zu raubenden Kirchenschätzen förmlich ins Gesicht geschrieben.

«Führ uns hinüber» befahlen sie dem jungen Fischersohn Mathi, der schon in Handfesseln gebunden da stand.

«Nur wenn ihr meine Schwester verschont», versuchte der Bursch zu verhandeln, die Panduren lachten hämisch über diese verzweifelte Bitte, gingen aber zum Schein darauf ein.

Noch lag der See von Eis bedeckt im letzten Abendlicht. Die Winterkälte hatte Ende Februar schon an Kraft eingebüsst, der erste Frühlingswind war zu spüren. Beim Blick hinüber auf die Zugspitz und das Wettersteinmassiv zeigten sich linsenförmige Wolken. Felsen und Rinnen lagen zum Greifen nah. Untrüglich waren die Zeichen: Der Föhn würde heute Nacht hereinbrechen.

Der Mathi hatte Namenstag, «Mattheis» fällt auf den 24. Februar, und jeder am Seeufer kannte die uralte Bauernregel: »Taut es vor und nach Mattheis, geht kein Fuchs mehr übers Eis. Mattheis brichts Eis.»

Doch die Panduren wussten nichts von den hiesigen Bauernregeln und die Goldgier trübte ihren Blick auf das umschlagende Wetter. So trieben sie den Mathi an, loszugehen. Er umarmte im weggehen noch seine Schwester. «Gnad uns Gott, wenn die zurückkommen!» flüsterte sie ihm leise zu.

«Die kommen nicht mehr», antwortete er lächelnd, mit einer Träne im Auge.

Der Mathi ging los, am Bootshaus vorbei und hinaus auf den See. Die Reiter folgten ihm und trieben ihn zur Eile an.

«Wir kommen noch früh genug an» dachte der Mathi bei sich.

Da, schlagartig änderte sich das Wettergeschehen: Vom Gebirge her setzte ein Fönwind ein, kam immer stärker auf, bis er sich zum Sturm entwickelte. Die kalte Luft über dem See blies er hinaus und davon, und mit seiner Energie fing er an, das Eis wie in einem Wärmeofen aufzutauen. Ein Bersten und Knacken. Knirschen und Schieben kam in Gang, das Eis zerbarst wie Glas, verwandelte sich in ein brüchiges Spinnennetz, begann zu schwingen und zu tanzen. Die Pferde wieherten todesahnend auf und stürmten los, lösten aber dadurch einen Wellenschlag aus, der sich unter dem Eis weiter fortsetzte. Der Mathi hatte die Reiterschar absichtlich zu einer dünnen Stelle geführt, unter der eine tiefe Quelle das Wasser am Strömen hielt und von der sich jeder Kundige fernhielt.

Unter wirren Kommandorufen versuchten die Panduren in alle Richtungen davonzujagen, aber die Pferde brachen im dünnen Eis ein, versuchten sich angstvoll über Wasser zu halten.

Föhnwind trug das Krachen und Bersten, das Wiehern und Schreien bis nach Starnberg hinüber.

Eisschollen zerbrachen unter der Last von Ross und Reitern, kippten zur Seite, dann war Stille: Das Wasser schloss sich über der gespenstischen Szenerie. Die Panduren und der Mathi sanken hinunter, bis sie sanft auf dem Seegrund aufsetzten.

 

In Amberg beim Fischer erzählt man sich, dass die Panduren heut noch drunten als Skelette im Sattel auf ihren Pferden sitzen. Dem Mathi wurde, solange das Kloster Bernried bestand, jährlich ein Gottesdienst abgehalten. An Mattheis soll man noch heute eine Reiterschar wie eine Lichtwolke über den See ziehen sehen.

 

Karl-Heinz Hummel / Wassersagen aus Bayern / Allitera Verlag


 

 

Juli 2019

Bei dieser Hitze musste es ein wässriges Märchen sein. Ein kühlendes Eintauchen wünsche ich....

 

Das kleine Meermädchen

 

Eine uralte Frau lebte in einer Hütte am Ufer des Meeres. Sie war sehr alt, und die Hütte, in der sie lebte, verfiel.

Die arme alte Frau wollte sie jedoch nicht verlassen, denn sie hatte keine Kinder, die sie hätten aufnehmen können, und sie wusste nicht wohin.

Sie suchte ihre Nahrung in den Felsen der Küste, wo sie in den Vogelnestern Eier fand.

Sie fischte auch kleine Fische und sammelte Muscheln, die das Meer auf den Sandstrand warf.

Wenn der Sturm wütete, hatte die arme Alte nichts zu essen, denn dann wagte sie nicht, ihre Hütte zu verlassen.

Aber sie wusste, dass sie, sobald das schöne Wetter zurückgekehrt war, viele Muscheln und auch Holzstücke finden würde, die ihr zum Feuer anzünden dienen konnten.

Eines Nachts wütete ein schweres Unwetter. Es goss in Strömen, der Wind blies mit aller Gewalt, und das Meer wurde von riesigen Wellen bewegt.

Die Alte fasste sich in Geduld und dachte an den folgenden Tag; dann würde sie grosse Mengen Muscheln und viele kleine Fische heim tragen.

Der Wind wehte, und der Regen fiel bis zum Morgen.

Sobald die Ruhe zurückgekehrt war, verliess die Alte ihre Hütte, um sich an den Strand zu begeben.

Aber die Wellen waren so hoch, dass die Frau sich fragte, wie sie wohl an das Ufer des Meeres gelangen könne.

Und doch erreichte sie den Strand und begann, kleine Fische aufzulesen, als eine ungeheure Woge sich über sie ergoss.

Sie wurde umgeworfen und bis aufs Mark durchnässt.

Die arme Frau glaubte, sie sei verloren. Sie legte ihre Hände auf den Sand, um zu versuchen, sich festzuklammern.

Da fühlte sie, wie sich etwas bewegte, etwas, was sehr dick und sehr gross war.

Als das Meer sich zurückgezogen hatte, sah die arme Alte, was ihre Hand festhielt: Es war eine Muschel, so gewaltig gross, wie sie noch keine gesehen hatte. Da freute sich die arme Frau, denn sie sagte sich, dass diese Muschel sie auf lange Zeit mit Nahrung versorgen würde und dass sie sich satt essen könne.

Mit grosser Mühe schleppte sie die dicke Muschel bis zu ihrer Hütte.

Dann sammelte sie die gefundenen Fische in einen Korb und trug sie nach Hause.

Dort angelangt, sah sie, dass die Muschel leicht geöffnet war. Sie öffnete sie vollständig und fand in ihrem Inneren ein kleines Kind.

Es war ein kleines Mädchen, ganz lebendig und sehr hübsch.

Seine Haut sah aus wie Perlmutter, so schimmernd und durchsichtig war sie.

Seine Augen waren grün wie das Meer, und seine Haare waren so lang, dass der Körper des Kindes über und über von ihnen bedeckt war.

Die alte Frau betrachtete dieses kleine Wesen und fragte sich, wie das wohl möglich sei, dass ein kleines Kind in in einer Muschel versteckt liege. Bewundernd betrachtete sie das Kindlein und wagte nicht, es aus der Muschel herauszunehmen.

Sie schob die langen Haare beiseite, da sah sie, dass der Leib der Kleinen in einem Fischschwanz endete.

Die alte Frau war verwirrt und fragte sich, was sie wohl tun könne.

Sie ging zu einer Nachbarin, die eine Hexe war, und brachte ihr die Muschel mit dem kleinen Mädchen.

Die Hexe sah sich das Kind genau an; dann erklärte sie, es sei die Tochter der Meerkönigin, die es in der Muschel versteckt hätte, damit die Seehunde es nicht zu Gesicht bekämen, denn sie hätten es sofort verschlungen.

Dann riet sie der Alten, das kleine Mädchen so nahe wie möglich ans Meer zu bringen, es sorgfältig auf einen grossen, flachen Felsen zu legen, auf dem die Wellen sich brechen und geduldig abzuwarten.

Die Alte tat genau, was ihr die Hexe geraten hatte.

Sie trug das kleine Mädchen, das immer noch in der Muschel versteckt war, und legte es auf einen Felsen, dem Meer so nahe wie möglich.

Und schnell verbarg sie sich hinter dem Felsen, um zu sehen, was geschehen würde.

Nach einer Weile hörte sie ihren Namen flüstern.

Sie lauschte aufmerksam, und da sie leise gerufen wurde, trat sie aus ihrem Versteck hervor und sah am Ufer des Meeres eine Frau von grosser Schönheit, deren lange, mit Perlen geschmückte Haare den ganzen Körper einhüllten. Aber sie bemerkte, dass diese Frau keine Beine hatte und dass ihr Leib in einem Fischschwanz endete.

Die Frau machte der armen Alten ein Zeichen, und sie trat näher.

Da sagte die Meerfrau, das kleine Meermädchen sei ihr Kind; ein Seehund, der sie heiraten wollte, hätte ihren Mann getötet, und damit der Seehund ihr Kind nicht fände, hätte sie es in der grossen Muschel versteckt.

Dann kam sie aus dem Meer, schob sich auf den Felsen und gab dem kleinen Mädchen die Brust.

Als die Kleine satt war, bat die Frau mit den langen, perlengeschmückten Haaren die Alte, das Kind in ihrer Hütte zu verbergen, aber es ihr jeden Tag ans Ufer des Meeres zu bringen, damit sie es nähren könne.

Als Dank sagte sie, bekäme sie so viele Fische und Muscheln wie sie nur brauchen könne.

Da trug die Alte das kleine Mädchen in ihre Hütte, und jeden Tag brachte sie es ans Ufer des Meeres.

Die Frau mit den langen Haaren liess sich ans Ufer gleiten und nährte das Kind.

Die Alte fand neben dem Felsen so viele kleine Fische und Muscheln, dass sie nicht einmal alle mitnehmen konnte.

Das kleine Mädchen wurde ein grosses Mädchen, und als es stark genug war, um gut zu schwimmen, begleitete es seine Mutter, und beide verschwanden in der Tiefe des Meeres.

Manchmal setzte sich die Alte auf den Felsen am Ufer; dann stieg das junge Mädchen aus dem Wasser, um sie zu streicheln und ihr Perlen und Muscheln zu schenken.

So blieb die arme Alte nie lange ohne Nahrung, denn immer hatte sie genügend Fische und Muscheln, die ihr ihre Meerfreundinnen brachten.

 

Chilenisches Märchen 

aus "Kindermärchen aus aller Welt" / Mutabor Verlag

 


 

Juni 2019

 

 Zugegeben, der Juni war eine harte Nuss. Es sollte doch etwas blumiges, blühendes sein.

Doch ein gefiederter Gefährte ist mir immer wieder durch meinen Garten, meine Vorstellungen und meine Gedanken geflogen.... und er wird es, denke ich auch weiterhin tun....

Raben haben doch irgendetwas verzaubernd, faszinierendes an sich. Mit einem tüchtigen Schuss Tollpatschigkeit..... 

" Die sieben Raben" ist das erste Märchen, dass mir zu diesem Thema in den Sinn kam. Und dennoch habe ich mich für ein Märchen entschieden, dass auf der Etikette meines neuesten Stofftiers, natürlich eines Raben, stand. Es ist ein Märchen der Amerikanischen Ureinwohner. Und bei ihnen ist der Rabe, besser gesagt, die Rabin der (betrügerisch) erschaffende Gott.

Die Fassung auf der Etikette ist auf Englisch, und ich versuche es hier wiederzugeben. Man beachte auch bitte, dass die am Ende von den Tieren gesprochenen Worte nur in Englisch wirklich Sinn ergeben....an einer Mundart Fassung arbeite ich...

 

 

Wie der Rabe das Wasser zurückbrachte

 

 

Vor langer Zeit, da war das Wasser im ganzen Land verschwunden.

Flüsse und Seen waren ausgetrocknet. Bäume und Tiere mussten sterben. Die Rabin, die Erschafferin, wusste, dass es an ihr war, das Wasser zu finden.

Sie flog über rissiges und ausgedörrtes Land. Über Berge ohne Schnee.

Schlussendlich fand sie ein grünes Tal. Und in der Mitte dieses Tals sass ein riesiger Frosch mit einem gewaltigen Bauch.

In diesem Bauch hatte er das Wasser der ganzen Welt.

Als der riesige Frosch die Rabin sah, wollte er sie mit seiner Zunge wegschleudern. Er rief:" Ich werde niemals teilen!".

Als die Zunge das nächste Mal draussen war, platzierte die Rabin einen Stein darauf.

Der Frosch verschluckte den Stein und bekam heftige Bauchschmerzen.

"Ich will dir helfen," Sagte die Rabin " wenn du versprichst, das Wasser zu teilen." 

Und so durchstach die Rabin mit ihrem Schnabel die Bauchseite des Frosches, um so das ganze Wasser und den Stein hinaus zu lassen.

Danach sammelte sie das Wasser und verstaute es unter ihren Flügeln.

Als sie dann umher flog liess sie Tropfen um Tropfen fallen, und verteilte den Rest in den Flüssen und Seen.

Der Frosch fühlte sich schuldig und realisierte, dass er viel lieber auf dem Stein im Wasser sässe.

Darum hört man ihn immer noch sagen "Sor-ry, Sor-ry".

Und die Raben schreien beim umherfliegen " Rock, Rock, Rock" um den Frosch daran zu erinnern, nicht gierig zu werden.

 

Märchen der Amerikanischen Ureinwohner

 

 


Mai 2019

 

Die Hexe und ihr Ehemann

 

Vor langer Zeit lebten in Schottland ein alter Mann und seine Frau. Der Alte war gutmütig und bei jedermann beliebt. 

 Die Frau hingegen war etwas sonderbar. Die Nachbarn sahen sie schief an und flüsterten einander zu, sie sei eine Hexe.

Ihr Mann befürchtete das auch, denn manche Nächte verschwand die Frau und wenn sie am Morgen zurückkehrte, sah sie blass und erschöpft aus.

Obwohl er sie beobachtete, gelang es ihm nicht herauszufinden, wohin sie ging.

Schliesslich konnte er die Ungewissheit nicht mehr länger ertragen und fragte sie geradeheraus: „Bist du eine Hexe oder nicht?“ Das Blut stockte ihm in den Adern, als sie antwortete: „Ja, ich bin eine Hexe und wenn du mir versprichst, dass du es niemandem erzählst, werde ich dir nach dem nächsten Hexenausflug alles berichten.“

Der gute Mann versprach es, denn er wollte unbedingt wissen, was seine Frau denn so trieb.

Er brauchte nicht lange zu warten. In der nächsten Woche war Neumond und wie man weiss ist das die beste Zeit für die Hexen.

Sie verschwand also in der Neumondnacht, kehrte bei Morgengrauen zurück und erzählte ihm folgendes: „In der alten Heide hinter der Kirche habe ich mich mit meinen vier Gefährtinnen getroffen. Dieses Mal haben wir Muschelschalen als Boote genommen und sind über das stürmische Meer bis Norwegen gesegelt. Wir bestiegen unsichtbare Sturmpferde und ritten über Berge, Schluchten und Gletscher bis ins Land der Lappen, wo noch Schnee lag. Dort feierten wir mit Elfen, Feen und Meerfrauen, Zwergen, Zauberern und Kobolden ein wildes Fest.

Wir tranken Bier aus Hörnern, schlemmten, tanzten und sangen. Wir lernten neue Zauberworte von ihnen, wie man fliegen kann und wie man durch geschlossene Türen kommt. “

Der Mann hatte still zugehört und sagte: „Wie seid ihr nur auf ein solches Land verfallen? Das ist doch kalt dort. In euren Betten wär‘s sicher wärmer gewesen.“

Doch als die Frau ging nicht weiter darauf ein und ging bald wieder auf ihren nächsten Ausflug.

Wieder erzählte sie von ihrem Abenteuer, als sie heimkehrte und diesmal interessierte es den Mann doch etwas mehr: „Ich habe mich mit meinen Gefährtinnen bei der alten Hütte getroffen und dann sind wir zum Bischofspalast geflogen und durch die geschlossene Tür des Weinkellers gekommen. Dort haben wir von seinem edlen Wein probiert.“

Der Mann sagte darauf: „Meiner Treu! Du bist wirklich eine Frau, auf die man stolz sein kann! Sage mir doch auch die Zauberworte, damit ich den Wein seiner Lordschaft ebenfalls versuchen kann.“

Doch die Frau schüttelte den Kopf: „Nein, nein, das darf ich nicht. Sonst erzählst du es weiter und bald würde jeder seine Arbeit im Stich lassen, über die Erde fliegen und gierig dem edlen Wein nachjagen. Sei zufrieden Alter, du hast genug und kommst schon durchs Leben mit dem, was du weisst.“

Obwohl der Mann versuchte seine Frau mit Schmeicheleien zu überreden, gab sie ihr Geheimnis nicht preis. Aber der Alte war schlau und der Gedanke an den Wein des Bischofs liess ihm keine Ruhe. Er wusste, wo sich seine Frau sich zu diesem Zweck mit ihren Freundinnen traf.

So ging er Nacht für Nacht zu dieser Hütte, lange Zeit vergeblich. Aber endlich, eines Abends sah er die Frauen dort.

Sie versammelten sich in der Hütte um die Feuerstelle, setzten einen Fuss auf den russigen Haken des Wasserkessels und flüsterten die Zauberworte aus Lappland.

Hui, wie der Blitz verschwanden sie den Kamin hinauf und flogen durch die Lüfte davon. „Das kann ich auch“, sagte sich der Alte, kroch aus seinem Versteck hervor und tat es den Frauen gleich. Da Hexen nie über die Schulter sehen, bemerkten sie ihn erst, als sie den Bischofspalast erreichten und in den Weinkeller schlüpften.

Sie waren verwundert und auch etwas verärgert, ihn zwischen sich zu finden.

Aber es war nun mal nicht zu ändern und sie liessen sich mit ihm nieder und zapften gemeinsame ein Fass nach dem anderen an.

Während die Frauen nur so viel tranken wie ihr Kopf noch klar blieb, schlürfte der Alte und schlürfte bis er ganz schläfrig wurde, niedersank und einschlief.

Als die Frau das sah, dachte sie, dass es eine gerechte Strafe für seine Neugier sei, wenn sie ihn nicht weckte.

Und so machte sie sich mit den anderen Frauen beim Hahnenschrei davon.

Der Alte schlief einige Stunden friedlich bis zwei Diener des Bischofs in den Keller kamen, um Wein für ihren Herrn zu holen.

Fast wären sie in der Dunkelheit über ihn gefallen.

Sie schleppten ihn hinaus ans Tageslicht und fragten ihn erstaunt, wie er durch die verschlossenen Türen gekommen sei.

Der arme Alte war so verwirrt, dass er stotterte, er sei mit dem Wind um Mitternacht gekommen.

Da schrien die Diener „Ein Zauberer, ein Hexenmeister!“ und zerrten ihn vor den Bischof und da auch der Bischof Angst vor Hexen und Zauberern hatte, liess er ihn zum Scheiterhaufen verurteilen.

Der arme Mann zitterte und bebte. Er wünschte sich, er wäre lieber daheim in seinem Bett geblieben, als des Bischofs Wein zu kosten.

Aber nun war es zu spät. Die Knechte legten ihn in Ketten, banden ihn an den Eisenpfahl und zündeten die Reisigbündel zu seinen Füssen an.

Nun glaubte der alte Mann, seine letzte Stunde sei gekommen.

Er hatte in seinem Schrecken vollkommen vergessen, dass seine Hexe war. Als die Flammen schon seine Kleider anzubrennen begannen, ertönte ein Sausen und Flattern in der Luft.

Ein grosser, grauer Vogel mit grossen Schwingen erschien am Himmel. Im Schnabel trug er eine rote Nachtmütze.

Er liess sich auf der Schulter des Mannes nieder, stülpte ihm die Mütze über und liess ein grimmiges Krächzen ertönen.

Doch für den Mann war dies die schönste Musik, denn er erkannte darin die Stimme seiner Frau, die ihm Zauberworte zukommen liess.

Kaum hatte er sie wiederholt, fielen die Ketten von ihm ab und er flog in die Luft und nach Hause , während die Blicke der Zuschauer ihm mit Ehrfurcht folgten.

Als er sich wieder geborgen zu Hause fand, versuchte er nie wieder – das könnt ihr glauben – die Geheimnisse seiner Frau nachzuforschen.

Er liess sie in Zukunft allein bei ihren Künsten. 

 

Märchen aus Schottland

 


 

April 2019

 

Oengus Traum

 

Oengus war ein Feenprinz und der Sohn von Dagda, dem Vater aller Götter.
Eines Nachts geschah es dass Oengus im Schlaf eine Gestalt an sein Bett treten sah. Ein lieblicher Duft nach Apfelblüten stieg ihm in die Nase und als er sich aufsetzte erkannte er im Dämmerlicht, dass es die schönste Jungfrau war, die er je in Èriu (Irland) je gesehen hatte. 
 
Ihre Stimme war so lieblich und rein und ein sanftes Licht schien sie zu umstrahlen. 

 Es war Caer, die Tochter von Ethal. Oengus verliebte sich auf den ersten Blick in sie und er wollte schon nach ihrer Hand greifen

und sie an sich ziehen, da wich sie plötzlich vonihm und verschwand.
Und Oengus wusste nicht wohin. 

Ein Jahr lang sah er das Mädchen in seinen Träumen, sie spielte auf einer Harfe für ihn und sang mit ihrer
lieblichen Stimme dazu. Doch konnte er weder mit ihr sprechen noch sie berühren, da ihn ihre schwermütigen Zaubermelodien in den Schlaf wiegten.
Der Feenprinz dachte die ganze Zeit über nur an das schöne Mädchen, er verzehrte sich so sehr nach ihr, dass er vor Sehnsucht ganz krank wurde. 

Er wollte nicht mehr essen, nicht mehr ausreiten, nicht mehr seinen Pflichten nachgehen und nicht mehr lachen. 

Als Boann, Oengus Mutter und sein Vater Dagda von dem Kummer ihres Sohnes hörten, wollten sie ihm helfen und ließ ihre Boten in ganz Èriu nach der schönen Frau suchen, die Oengus so verzweifelt liebte. 

Fast ein Jahr lang durchkämmten die Gefolgsleute der Tuatha auch noch die entlegensten Winkel der Insel Èriu, bis sie die Jungfrau schließlich am Drachenmaulsee in Cruitt Cliach fanden. 

Sofort kehrten die Heerscharen zu Dagda zurück und berichteten, dass sie ein Mädchen ganz nach Oengus Beschreibung gefunden hatten.
Als Prinz Oengus davon hörte wollte er sofort aufbrechen um sich davon zu überzeugen, ob es sich wirklich um die Richtige handelte. 

Mit seinem Streitwagen fuhr er nach Sid ar Femuin.
Der König hatte ein großes Fest zu Ehren von Oengus vorbereitet um ihn willkommen zu heißen. 

Drei Tage und drei Nächte verbrachten sie feiernd. Doch danach machte Oengus sich ungeduldig mit seinen Begleitern auf den Weg zu besagtem See. 

Unbemerkt schlich er sich näher und sah auf dem Wasser eine Schar Schwäne gleiten, so weiß und rein wie frisch erblühte Apfelblüten.
Vor seinen Augen verwandelten sich die Schwäne in Jungfrauen und die Gesuchte befand sich unter ihnen.
Jedes der Mädchen trug ein goldenes Kettlein. 

Nur Oengus Mädchen trug silbernen Halsschmuck. 

„Wahrhaftig sie ist es. Ich erkenne sie wieder“ murmelte er.
„Mehr können wir nicht tun“ sprachen die Gefolgsleute. „Es ist Caer die Tochter von König Ethel von Connacht.
Sie lebt zusammen mit ihren Feenschwestern in der Gestalt eines Schwanes.“ 

Oengus sah ein, dass er das Mädchen nicht einfach mitnehmen konnte und so ritt er zum Vater des Mädchens um ihn um ihre Hand zu bitten.
Doch Ethal, der Vater von Caer, schüttelte nur den Kopf: „Ich kann dir leider nicht helfen, mein Prinz. Caer wird sich niemals meinem Willen beugen.
Die Macht die sie besitzt ist viel stärker als meine. Du musst sie schon selber fragen, denn kein lebender Mann kann über sie bestimmen.“
„So sage mir wenigstens über welche Macht sie gebietet und wo ich sie treffen kann um mit ihr zu sprechen“ bat Oengus den König.

„Nun gut, dass will ich dir sagen: In einem Jahr nimmt sie die Gestalt eines Schwanes an und im nächsten Jahr wieder die Gestalt eines Menschen.
Ich werde dir nun auch verraten, dass sie zum nächsten Samhainfest in der Gestalt eines Schwanes zum Loch Bél Dracon fliegen wird.
In ihrer Begleitung wird man wunderbare Vögel sehen, dreimal fünfzig Schwäne.“ 

Oengus bedankte sich bei Ethal und verlies sein Haus. 

Am nächsten Neumond zu Samhain, ritt Oengus zum Loch Bél Dracon.
Er sah dreimal fünfzig weiße Schwäne auf dem See.
Sie alle trugen goldene Kettlein um den Hals. Oengus stand in menschlicher Gestalt am Seeufer.
Er rief den einzigen Schwan mit silbernem Kettlein zu sich: „Komm Caer, sprich mit mir“
„Wer ruft mich?“ wollte Caer wissen. „Oengus ruft dich!“
„Ich werde kommen, wenn du mir versprichst, dass ich bei Morgengrauen zu meinen Feenschwestern zurückkehren kann“ bat Caer.
„Ich verspreche es“ So kam Caer in ihrer menschlichen Gestalt zu Oengus ans Seeufer und er gestand ihr seine Liebe und Zuneigung.
Caer war so berührt, dass sie ihn erhörte.
Die beiden verwandelten sich in Schwäne und flogen drei Mal über den See.
Als der Morgen dämmerte wollte auch Caer Oengus nie mehr verlassen.
Aus Liebe zu Caer verwandelte sich Oengus in einen Schwan.
Sie blieben für immer zusammen und lebten zu Weilen als Menschen und zu Weilen flogen sie wild und frei mit den Schwänen durch die Welt.

 

Keltisches Märchen

 

 


März 2019

 

Soniri, der Thronfolger

 

Es war einmal ein weiser alter König, der ein kleines Königreich gerecht regierte. Seine Untertanen waren zufrieden, lebten in Ruhe, und hatten ihr Auskommen.

Den König aber quälten düstere Gedanken, und die Sorgenfalten auf seiner Stirn wurden immer tiefer. Es tat ihm leid, dass er keine Kinder hatte. Wem würde er die Königskrone und den Thron vererben? Wer würde sein so gut begonnenes Werk fortsetzen?

Das war es, worüber sich der alte König den Kopf zerbrach. «Nehmt doch einen klugen Knaben von vornehmer Herkunft an Kindesstatt an und erzieht ihn als Euren Sohn und Nachfolger», empfahlen seine Ratgeber.

Der König aber zögerte. Von allen Seiten drängten ihm die Höflinge ihre Neffen oder Vettern auf, deren Fähigkeiten sie in den höchsten Tönen priesen. Wie aber sollte sich der König davon überzeugen, welcher von ihnen geeignet war, die Königskrone zu tragen? Nicht umsonst sagte ein altes Sprichwort: Durch das Fell kannst du dem Tiger nicht die Rippen zählen; Was im Menschen steckt, kann man nicht sehen.

Eines war sicher, sein Nachfolger sollte weise und besonnen sein, vor allem aber wahrheitsliebend. Der alte König überlegte so lange, bis er eine Lösung wusste. Er rief die Kinder aus der ganzen Umgebung zu sich und gab jedem Knaben und jedem Mädchen einige Samen. Er sprach:» Legt diese Samen in einen Blumentopf und betreut sie gut. Wer von euch die schönsten Blumen züchtet, den will ich als Sohn oder als Tochter annehmen.»

Die Kinder liefen mit den Samen nach Hause. Sie verschafften sich Blumentöpfe und gute Erde, säten die Samen und betreuten sie. Und jedes Kind sah sich schon als Prinz oder Prinzessin im königlichen Palast.

Auch Soniri, einer der Knaben, wollte sich nicht beschämen lassen. Er nahm einen grossen Blumentopf, legte vorsichtig die Samen in die feingesiebte Erde und begoss sie morgens und abends.

Er widmete dem Blumentopf seine ganze Zeit und sein ganzes Herz. Er wartete ungeduldig auf die ersten zarten Blättchen, aber vergebens. Es verging eine Woche und noch viele Tage – im Blumentopf aber zeigte sich keine Veränderung.

Weinend lief Soniri zu seiner Mutter, doch auch diese wusste keinen Rat. Er versuchte, die Samen umzusetzen, aber es half nicht: Die Samen wollten nicht aufgehen.

Endlich war der Tag angebrochen, an dem der König die Blumen besichtigen wollte.

Schon im Morgengrauen hatten sich die Kinder auf der Strasse, die zum Palast führte, eingefunden. Jedes Kind war festlich gekleidet und umklammerte seinen Blumentopf. Es hatte sich viel Volk eingefunden, und alle warteten gespannt darauf, welche Blume in den Augen des Königs die schönste war. Zum Klang der Trommeln und Pfeifen bahnte die königliche Wache den Würdenträgern den Weg. An ihrer Spitze schritt der König und besichtigte aufmerksam jeden einzelnen Blumentopf.

Beide Seiten der Strasse waren mit wunderschönen Blumen gesäumt. Rosa Azaleen, scharlachroter Mohn, blaue Glockenblumen, die grossen Kugeln der Pfingstrosen und feuerfarbene Lilien, Maiglöckchen schimmerten wie weisse Perlen, betaute Rosenknospen hoben ihre lieblichen Köpfe, weisse, goldgelbe und violette Blütenblätter schimmerten wie Nephrit – es war ein einzigartiger Anblick! Und ein leichter Wind trug den betäubenden Duft von Tausend Blüten in die Umgebung.

« Seht nur, allergnädigster König, ist das nicht eine herrliche Blüte?» versuchten die Minister und Ratgeber die Aufmerksamkeit des Herrschers auf die ein oder andere Blume zu lenken.

Doch auf dem Antlitz des alten Königs breitete sich eine immer grössere Enttäuschung aus. Teilnahmslos sah er auf die schönsten Schöpfungen der Natur und das Ergebnis des Fleisses der kleinen Gärtner. Und die Sorgenfalten auf seiner Stirn wurden immer tiefer.

Auf einmal aber fesselte etwas seinen Blick. An der Schwelle eines Hauses, ganz am Ende der Strasse, sass ein kleiner Knabe und weinte. Auf dem Schoss hielt er einen grossen Blumentopf, in dem sich nichts als Erde befand. Der Knabe hiess Soniri.

« Führt ihn zu mir!» befahl der König.

Als man Soniri zu ihm brachte, fragte er ihn streng:» Warum weinst du? Wieso ist dein Blumentopf leer?»

Da erzählte Soniri dem König, wie sehr er sich bemüht habe, aus dem Samen eine Blume zu züchten. Aber alle Mühe sei umsonst gewesen – aus den seltenen Samen des Königs wolle nichts keimen. Vielleicht sei das die Strafe dafür, dass er im Garten des Nachbarn Äpfel gestohlen habe, schluchzte der Knabe.

Bei der Antwort Soniris erhellte sich das Antlitz des Königs. Freudig zog er den Knaben an sich und sprach:» Im ganzen Königreich gibt es einen aufrichtigeren Knaben als Soniri. Er allein verdient es, mein Sohn und Thronfolger zu werden!»

Unter den Würdenträgern und in der Menge erhoben sich unzufriedene Stimmen:» Weshalb wollt ihr einen Knaben Kindesstatt annehmen, der nur einen leeren Blumentopf hat?»

« Hört mich an, Leute! Die Samen, die ich an die Kinder verteilte, habe ich vorher gekocht! Sie konnten also gar nicht aufgehen!»

Da verstanden die Würdenträger und alles Volk die Absicht des weisen Königs, und sie nickten zustimmend.

Die Kinder mit den blühenden Blumen aber senkten die Augen und ihre Wangen brannten vor Scham. Freilich, auch bei ihnen waren die Samen nicht aufgegangen, aber aus Sehnsucht, ein Prinz oder eine Prinzessin zu werden, hatten sie zu einem Betrug Zuflucht genommen und insgeheim die unfruchtbaren Samen mit anderen vertauscht.

 

Märchen aus Korea

 

Aus «Blumenmärchen» / Mutabor Verlag

 

 

 


Lange erdacht, und jetzt endlich da; Das Märchen des Monats.

Jeden Monat werde ich hier ein Märchen aufschreiben, das (mehr oder weniger) zur Saison passt.

Der Anfang macht ein wunderschönes Märchen aus Korea.

Ich weiss, der Frühling ist noch nicht wirklich angekommen. Doch die vergangenen sonnigen Tage haben, vorallem bei mir, "Lust auf mehr" ausgelöst.

Darum ist dieses Märchen, eine Geschichte übers säen, pflegen und gedeihen, gar nicht so fehl am Platz.

Dies sind Dinge, die nicht in erster Linie abhängig sind von Wärme und Sonne, sondern die vielmehr auch im innersten und verborgene geschehen können.

 

Viel Spass beim Eintauchen.